Welt : Umdenken im Tourismus gefordert

GALTÜR (AFP/rtr).Im Tiroler Skiort Galtür ist in der Nacht zum Freitag die Leiche eines Kindes gefunden worden, womit die Zahl der Todesopfer auf 34 stieg.In Galtür und im Nachbarort Valzur wurden nach Angaben der Einsatzleitung noch vier oder fünf Menschen vermißt.Unter den bisher identifizierten Lawinenopfern in Galtür und Valzur sind 21 Deutsche.Am Morgen wurde die Luftbrücke zur Evakuierung von rund 6000 eingeschlossenen Menschen wieder aufgenommen.Die meisten Flüge gingen nach Ischgl.Am Donnerstag waren mehr als 3000 Touristen und Einwohner aus der Katastrophenregion ausgeflogen worden.Grund für die Evakuierung sind ungünstige Wetterverhältnisse, die neue Lawinenabgänge befürchten ließen.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler rief unterdessen dazu auf, ganze Täler in den Alpen für den Autoverkehr zu schließen.In einem Interview mit der ZDF-Sendung "Heute Nacht" forderte Geißler in seiner Funktion als Vorsitzender des Kuratoriums Sport und Natur, keine weiteren Skigebiete mehr zu erschließen und keine neuen Berghütten mehr zu bauen.Geißler appellierte an die Kommunalpolitiker in den Alpen, sich nicht länger kommerziellen Erwägungen zu beugen.

Auch der Tiroler Landeshauptmann Wendelin Weingartner hat ein Umdenken im Tourismus gefordert.Als Folgen werde man möglicherweise in Zukunft auch über Einschränkungen für die Freizeitindustrie im Gebirge nachdenken.Kritik in deutschen Medien, die Schneekatastrophe sei vorhersehbar gewesen, wies er zurück.Tirol verfüge über eine der besten Lawinenüberwachungen aller Wintersportländer.

Wie bereits im am Donnerstag evakuierten Galtür, so haben auch die Urlauber in Ischgl die Möglichkeit, weiter im Ort zu bleiben.Wer sich zum Bleiben entscheide, habe die Möglichkeit, kostenlos skizufahren, sagte Alfons Parth vom Tourismusverband des Ortes.Die Pisten des Skigebiets seien gefahrlos befahrbar.Die dringende Lawinenwarnung blieb indessen für die ganze Region aufrechterhalten.Für Touristen, die vor der Abreise erfahren wollen, wie die Schnee- und Straßenlage in ihrem Ferienziel ist, stehtfür Tirol ein Informationsdienst unter der Telefonnummer (0043) 512 72 72 zur Verfügung.

Sprengung: Eigenmächtige Entscheidung

ZÜRICH (rtr).Die im schweizerischen Leukerbad am Donnerstag abgegangene Lawine ist nach Angaben des Krisenstabes eigenmächtig vom amtlichen Sprengspezialisten ausgelöst worden.Der Krisenstab der Walliser Gemeinde teilte mit, die Sprengung sei mit ihm nicht abgesprochen worden.Beim Abgang der Lawine waren fünf Häuser beschädigt worden.Aus einem der Gebäude waren 30 Personen kurz nach dem Lawinenabgang unverletzt geborgen worden.

Nach den Lawinen droht bald Hochwasser

MÜNCHEN (AP).Die Hochwassergefahr in Bayern nimmt auf mittlere Sicht zu.Bei einem plötzlichen Wärmeeinbruch mit starkem Regen stünde im Frühsommer "ein Jahrhunderthochwasser bevor", sagte der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf am Freitag in München.Bei einer allmählichen Erwärmung dagegen könnten die Flüsse das Schmelzwasser gut aufnehmen."Beides ist möglich."

Schon 1967 raste eine Lawine in den Ortskern

Galtür war doch vorgewarnt

Wohl der Zeitung, die aufmerksame Leser mit einem guten Gedächtnis hat.Nie in den letzten hundert Jahren sei eine Lawine in den Ortskern von Galtür gerast, zitierten wir an dieser Stelle gestern den bayrischen Lawinenexperten Hans Ritter.Das haben auch österreichische Behörden in den jüngsten Tagen mehrfach behauptet und so begründet, warum das Unglück mit mehr als dreißig Toten nicht vorhersehbar gewesen sei.Der Abonnent Bert Molkenbuhr und Helmut Volz, früher Leiter der Tagesspiegel-Setzerei, erinnerten sich besser.Und das Graben in dem sich der Computer-Recherche entziehenden Altarchiv gab ihnen recht: Am 22.März 1967 meldete der Tagesspiegel, nach dreitägigen ununterbrochenen Schneefällen in den Alpen sei eine riesige Lawine in den Ort Galtür gedonnert, habe eine Autoreparaturwerkstatt zerstört, Teile des Hotels "Fluchthorn" beschädigt und Touristen in der Tanzbar im Keller eingeschlossen sowie etwa 40 Autos, Lastwagen und Schneefräsen vom Parkplatz in der Ortsmitte bis zu 100 Meter mit sich gerissen.

Bert Molkenbuhr war damals in Galtür und half beim Ausgraben der Autos.Es sei allgemein bekannt gewesen, daß die unmittelbare Ortsmitte lawinengefährdet sei - wenn auch nur bei einer ganz bestimmten Konstellation: Dafür müßten zwei Lawinen oberhalb des Ortes aufeinandertreffen.Der Ortspfarrer habe von entsprechenden Eintragungen in den Kirchenbüchern aus dem Jahr 1736 berichtet.Aufgrund dieser Erfahrung sei der Ort quasi geteilt, die Mitte habe als Bereich gegolten, in dem man nicht bauen darf.Die Kirche, die ungefähr 150 Meter entfernt von der damals zerstörten Autowerkstatt stehe, sei nie gefährdet worden.Das Hotel "Fluchthorn" befinde sich genau an der Grenze der gefährdeten Zone.

CHRISTOPH VON MARSCHALL

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