Umstrittene Tauben : Flattern für den Frieden

Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter will am Weltfriedenstag einen 65.000-köpfigen Taubenschwarm über Berlin aufsteigen lassen. Die Tierrechteorganisation Peta hält den Massenstart für Tierquälerei.

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Helmut Schümann
Helmut SchümannFoto: Kai-Uwe Heinrich

Die Taube, unsere gefiederte Mitbewohnerin, wird oft als Luftratte verleumdet. Gewiss, sie hinterlässt ätzenden Dreck, aber deswegen allein sollte man ihren unschätzbaren Verdienst für die Menschheit nicht einfach ignorieren. Wer brachte den frischen Ölzweig zur Arche und verkündete damit, dass es weiter geht mit dem Leben nach schwerstem Unwetter? Es war die Taube. Wer revolutionierte das Nachrichtenwesen und war Basis des Pressedienstes von Paul Julius Reuter? Es war die Taube. Und wo wäre die Liebe wohl geblieben im Laufe der Jahrhunderte, wenn Brieftauben sie nicht zu Mann und Frau geflogen hätte. Wenigstens Franz Schubert hat sich dafür bedankt bei der Taube und ihr das schöne Lied „Die Taubenpost“ komponiert. Pablo Picasso hat sie gezeichnet, 1949, anlässlich des Pariser Weltfriedenskongresses. Spätestens damit arrivierte die Taube zur weltweit geachteten Friedenstaube. Und als solche soll sie nach dem Willen des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter am 12. September, dem jährlichen Weltfriedenstag, in einem 65.000-köpfigen Taubenschwarm über Berlin aufsteigen.

Eine hübsche Idee, sollte man meinen, 65.000 Tauben aus vielen europäischen Ländern erheben sich von Berlin aus von verschiedenen Startplätzen und beginnen ihren Flug zu den entfernten Heimatschlägen. Die Russen bauen jetzt aufblasbare und schießunfähige Panzer, und 65 000 Tauben flattern für Frieden und Toleranz über Europa – vielleicht wird es ja doch noch etwas mit dieser Welt.

Aber Peta will nicht, jene radikal-animalische Tierrechteorganisation. Peta sagt, der Massenstart sei Massentierquälerei. Peta sagt, dass das Auflassen von Tauben dem Aussetzen von Haustieren gleichkomme. Was sicher nicht stimmt, weil die ausgesetzten Haustiere aus dem Haus gejagt werden, wohingegen die Tauben eigens nach Hause fliegen. Und dann sagt Peta noch etwas, was sich wirklich gruselig anhört. Anders nämlich als die Tochter oder der Sohn, die zu spät heimgekommen sind, werden verspätete Tauben nicht nur ausgeschimpft, ihnen wird gleich der Hals umgedreht. Man möchte es sich nicht vorstellen, man kann es sich nicht vorstellen, da hockt so ein „Taubenvatta“ in Essen-Borbeck vor seinem Schlag, hat die „Rennpferde des armen Mannes“ jahrelang gehegt und getrimmt, und dann kommt sein Täubchen eine halbe Stunde zu spät heim und knacks? Ach Peta, lasst die Tauben was der Taube ist: Fliegen!

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