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Umstrittener Kölner Kardinal : 25 Jahre Kardinal Meisner - eine widersprüchliche Bilanz

Für viele war Kardinal Meisner nur der „Gotteskrieger vom Rhein“. Und ausgeteilt hat er, das steht fest. Aber er hatte auch andere Seiten.

Joachim Meisner zelebriert am 11. Januar 2009 in Köln das Hochamt zu seinem 75. Geburtstag. Foto: dpa
Joachim Meisner zelebriert am 11. Januar 2009 in Köln das Hochamt zu seinem 75. Geburtstag.Foto: dpa

Nun ist es also tatsächlich geschehen: Papst Franziskus hat Kardinal Joachim Meisner in den Ruhestand entlassen.

Und zwar mit sofortiger Wirkung. Von einem Tag auf den anderen ist der 80 Jahre alte Geistliche nicht mehr Erzbischof von Köln. Der Kardinalstitel bleibt ihm, aber das Amt - und damit die Macht - ist er los. Er hat es selbst so gewollt. „Ich will nicht mehr“, hat er dem Papst gesagt.

Sein Abschied dürfte überwiegend Erleichterung hervorrufen. Nicht nur bei all jenen, die er im Laufe seiner 25-jährigen Amtszeit mit harschen Worten angegangen ist. Sondern gerade auch bei ganz normalen praktizierenden Katholiken. Diese Annahme gründet auf Datenmaterial, das vom Erzbistum selbst erhoben worden ist: Ende vergangenen Jahres hat das Bistum im Auftrag von Papst Franziskus ein Stimmungsbild zu Themen wie Scheidung, vorehelicher Sex, Verhütungsmittel und homosexuelle Partnerschaften erhoben. Das Ergebnis: Meisners konservative Ansichten kommen bei den Gläubigen nicht an.

Viele Priester hatten unter Meisner eine schwere Zeit

Im Laufe der Jahre dürften viele Zweifelnde Meisner zum Anlass genommen haben, um aus der Kirche auszutreten. Dennoch war der gebürtige Schlesier mehr als der „Gotteskrieger vom Rhein“. Auch seine Kritiker gestehen ihm zu, dass er ein unerschrockener Mann ist.

Der Stasi-Staat hat den früheren Bischof von Berlin ebenso wenig einschüchtern können wie später die geballte Macht der Medien, denen der Erzbischof von Köln stets eines der liebsten Feindbilder war.

Immer wieder war zu hören, dass Meisner absolute Linientreue verlange. Fakt ist, dass viele Priester und Mitarbeiter unter ihm eine schwere Zeit hatten. Meisner führte autoritär und konnte nachtragend sein. Es war aber auch wieder nicht so, dass er jeden Abweichler verstoßen hätte. So arbeitete er 15 Jahre mit Generalvikar Norbert Feldhoff zusammen, einem ebenso pragmatischen wie aufgeschlossenen Kirchenmann, der etwa in der Frage der Schwangerenberatung eine andere Haltung einnahm als der konservative Meisner. Feldhoff resümiert im Gespräch mit der dpa: „Es gab Diskussionen, es gab Meinungsverschiedenheiten, ich habe aber nie unter dem Kardinal gelitten.“ Auch der unkonventionelle Pfarrer Franz Meurer, der die Kirchenkollekte einmal für den Bau einer Moschee spendete, will sich nicht beklagen: „Der Mann war immer fair“, sagt er. „Der Kardinal hat größten Respekt vor Leuten, die ihr Ding machen.“ Meisner ist als „Hassprediger“ geschmäht worden, und er hat in der Tat so manchen verletzenden Satz gesagt. Dafür wusste man, woran man bei ihm war. Der Vorwurf, der Politikern so häufig gemacht wird - dass sie sich lieber nicht festlegen wollen - den konnte man ihm sicher nicht machen. Dabei sei Meisner auch nicht einfach rechts, meint Manfred Lütz, Psychiater, Bestsellerautor und Katholik: „Die Partei, die er wohl am häufigsten kritisiert hat, war die CDU. In bioethischen Fragen stand er - außer natürlich beim Thema Abtreibung - den Grünen am nächsten, war ihr Kronzeuge bei der Debatte über den Hirntod.

Der selbsterklärte „Wachhund Gottes“

Widersprüchlich ist das Bild auch, wenn es um Meisner als Person geht. Er konnte den Kirchenfürsten raushängen lassen, wenn er zum Beispiel darauf bestand, mit „Herr Kardinal“ statt mit „Herr Meisner“ angeredet zu werden. Andererseits konnte man offen mit ihm diskutieren. Meisner mag keineswegs nur Gleichgesinnte, so hat er - obwohl bekanntlich radikaler Abtreibungsgegner - seine Sympathie für Alice Schwarzer bekundet. Und auch wenn er religionsferne Kunst einmal als „entartet“ bezeichnete, was vielleicht sein schlimmster Ausrutscher war: Er versteht etwas von Kunst und Architektur. Vor wenigen Wochen wurde das Kolumbamuseum des Erzbistums von Kunstkritikern zum Museum des Jahres 2013 gekürt.

Manchmal konnte der selbsterklärte „Wachhund Gottes“ sogar unmeisnerisch sanft sein. Einmal tobte ein Domchorknabe vor einem Konzert so wild herum, dass ihn der Kapellmeister zur Strafe nicht mitsingen ließ. Nur einer kam damals zu dem Jungen und fragte ihn, warum er denn so weine - es war Meisner. Er hat ihm dann schnell seine alte Modelleisenbahn geschenkt.

Meisner: "Wie ich mit den Jahren doch mehr und mehr in den Seilen hänge"

Für den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. hat Meisner wenig Verständnis gezeigt. „Ich bin regelrecht schockiert“, sagte Meisner damals dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Das geistliche Amt ist ja eine Art Vaterschaft. Und Vater bleibt man doch Zeit seines Lebens“, begründete Kardinal Meisner sein Unverständnis. Als eine Altersgrenze für Bischöfe und Priester eingeführt wurde, habe er lange Zeit gedacht: „Ein Glück, dass wenigstens der Papst auf Lebenszeit amtiert. Dann ist die Kontinuität dieser Vaterschaft gesichert.“ Allerdings merke er an sich selbst, „wie ich mit den Jahren doch mehr und mehr in den Seilen hänge, räumte der 79-jährige Meisner ein. „Und insofern ist es schon sinnvoll, dass man auch zurücktreten kann.“ (Tsp/dpa)

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