Umwelt : Toxische Zeitbombe

Das vor Santorin gesunkene Kreuzfahrtschiff „Sea Diamond“ verliert täglich eine Tonne Öl.

Gerd Höhler[Glyfada]
Kreuzfahrtschiff Sea Diamond
Schlagseite. Anfang April lief das Schiff auf ein Riff und sank kurz darauf.Foto: AFP

Einige ölverschmierte Gummiwülste, ein Dutzend Bojen, mehrere Spezialschiffe, die auf dem Wasser dümpeln: viel mehr erinnert vor der griechischen Kykladeninsel Santorin nicht an den Untergang des Kreuzfahrtschiffes „Sea Diamond“ Anfang April. Eine befürchtete Ölpest schien zunächst abgewendet, doch die Gefahr einer Umweltkatastrophe sei keineswegs gebannt, warnen Fachleute jetzt. Die Reederei des gesunkenen Musikdampfers, die zyprische Louis Hellenic Cruises, gerät zunehmend in die Kritik.

Kapitän Giannis Marinos hatte die 22.400 Tonnen große „Sea Diamond“ am 5. April bei der Einfahrt in die Bucht von Santorin auf ein allgemein bekanntes und in den Seekarten deutlich verzeichnetes Riff gesteuert – warum, ist dem Schiffsführer noch heute „unerklärlich“. Die „Sea Diamond“, deren Rumpf bei der Kollision auf mehr als zehn Metern Länge aufgeschlitzt wurde, bekam schnell schwere Schlagseite. In einer dramatischen und von Passagieren als „chaotisch“ beschriebenen Rettungsaktion konnten fast 1600 Touristen und Besatzungsmitglieder in Sicherheit gebracht werden. 15 Stunden nach der Havarie sank das Schiff. Ein 45-jähriger Franzose und seine 16-jährige Tochter werden seit dem Untergang vermisst.

In den Tanks der „Sea Diamond“ befanden sich etwa 430 Tonnen Schweröl und 80 Tonnen Dieseltreibstoff – genug, um die Bucht von Santorin und die Strände benachbarter Kykladeninseln mit einem Ölteppich zu überziehen. Bisher sind geschätzte 250 Tonnen Treibstoff aus dem Wrack an die Oberfläche gestiegen. Sie konnten dort zum Teil, aber nicht ganz abgeschöpft werden: Etwa fünf Kilometer Küstenlinie wurden bisher verseucht, darunter auch ein Strand, der allerdings bereits wieder gesäubert werden konnte.

Noch Anfang Mai hieß es, aus dem Wrack trete kein Öl mehr aus. Das erwies sich als Irrtum. Inzwischen steigt pro Tag etwa eine Tonne Öl an die Oberfläche – mit verheerenden Folgen für die Meeresfauna, wie Umweltschützer fürchten. Trotz mehrfacher Aufforderungen hat die Reederei noch immer keinen Plan vorgelegt, wie sie den restlichen Treibstoff aus dem Wrack zu entsorgen gedenkt. Die Staatsanwaltschaft auf Naxos, dem Verwaltungssitz der Kykladen, erließ deshalb vergangene Woche Haftbefehle gegen Kapitän Marinos, fünf Offiziere der „Sea Diamond“ und Vertreter der Reederei. Fachleute äußern Zweifel, ob sich das Öl überhaupt aus dem Wrack bergen lässt. Nick Haslam von der Beratungsfirma London Offshore Consultants (LOC) fürchtet, dass die Treibstofftanks bereits geborsten sind. Dadurch könnte sich das Öl inzwischen im gesamten Wrack verbreitet haben. Ein Absaugen dieses Öls wäre ein „extrem komplexes Vorhaben“, sagt Haslam.

Gefahren gehen aber nicht nur von dem Öl aus. Die griechische Meeresbiologin Anastasia Milliou fürchtet die Verseuchung des Meeres durch zahllose andere Giftstoffe an Bord, wie Säuren aus Batterien, Flüssigkeiten und Gasen aus Klimaanlagen und Reinigungsmittel: „Das alles sind toxische Zeitbomben“, warnt die Wissenschaftlerin. Schwierig ist die Situation auch wegen der instabilen Lage des Wracks. Santorin ist eine Vulkaninsel. Der Vulkankrater bildet die bis zu 300 Meter tiefe Bucht von Santorin. Die „Sea Diamond“ liegt am Steilhang der Kraterwand in etwa 150 Meter Tiefe. Eine Bergung des Schiffes gilt als sehr schwierig: das Wrack könnte in noch größere Tiefe abrutschen und auseinanderbrechen.

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