Welt : „Unberechtigte Hysterie losgetreten“

Wir jagen unsere schmackhaften Einlegegurken fast komplett durch den Häcksler und bringen sie als Kompost wieder auf die Felder – 100 Tonnen pro Tag. Ich kann 100 000 Euro täglich in den Wind schreiben. Erst in zwei Wochen können wir die Konservenindustrie beliefern.

Können Sie die Warnungen der Bundesagrarministerin vor dem Verzehr von Gurken nachvollziehen?

Überhaupt nicht. Hier wurde eine Hysterie losgetreten, die keine Berechtigung hat. Wenn die Kunden wissen, woher die Gurken kommen, greifen sie auch zu. Aber der Einzelhandel hat uns regelrecht ausgesperrt. Alle Produzenten sind in Kollektivhaftung genommen worden.

Können Sie einen Gegenbeweis liefern?

An unseren 100 Kiosken überall in Brandenburg und am Rande Berlins greifen die Kunden sehr wohl zu unseren Gurken. Dort können wir ihnen sagen, dass mögliche Kolibakterien eben ganz leicht von einer Gurke abzuwaschen sind. Sie gehen nicht durch die Schale.

Wie beurteilen Sie die Informationspolitik der betroffenen Behörden und Institute?

Aus heutiger Sicht haben sie eine voreilige Panik ausgelöst. Mir fehlt bei den Gesundheits- und Landwirtschaftsbehörden der sachliche Hintergrund. Politiker melden sich gerade jetzt vorschnell mit irgendwelchen Neuigkeiten zu Wort, nur um im Gespräch zu bleiben.

Verlangen Sie staatliche Hilfen?

Wir müssen mit allen Wetter- und Erntesituationen schon alleine zurechtkommen. Aber die jetzt erfolgte Verunglimpfung einer ganzen Branche dürfen wir Bauern nicht auf uns sitzen lassen. Für solche dilettantischen Äußerungen wie der generellen Warnung vor Gemüse verlangen wir eine Entschädigung.

Worauf hoffen Sie jetzt?

Wir müssen endlich den Erreger finden, sonst geht eine ganze Branche kaputt. Die Verunsicherung der Menschen ist ja schon so groß, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich noch essen können. Vielleicht stecken die Keime gar nicht in Lebensmitteln.

Warum sollten die Kunden mit gutem Gewissen einheimische Produkte kaufen?

Weil wir für unsere Produkte mit unserem Namen bürgen. Auf unseren Gurken würde man niemals so viele Keime finden wie jetzt auf den importierten Erzeugnissen. Das können wir mit vielen Gutachten nachweisen, die wir selbst in Auftrag gegeben haben. Wir produzieren anders und legen auf Hygiene den größten Wert. Deshalb sind unsere Waren auch etwas teurer.

Karl-Heinz Ricken aus Vetschau beschäftigt 20 Angestellte und derzeit 700 Saisonkräfte. Das Gespräch führte Claus-Dieter Steyer.

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