Welt : Und die Helfer kämpften mit den Tränen

Auf der Rückfahrt aus den Schweizer Skiferien sterben 22 Kinder und sechs Erwachsene aus Belgien und Holland bei einem Busunglück.

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Hosen, Jacken, Mützen, Handschuhe liegen verstreut auf der dunklen Fahrbahn. Die meisten Kleidungsstücke haben Kindergröße. Zerfetzte Reisekoffer stehen daneben. Das gleißende Licht der Ambulanzen flutet den Tunnel, Rettungshelikopter heben ab, es heulen Sirenen.

In der Nacht zum Mittwoch kämpften rund 200 Schweizer Ärzte, Sanitäter, Polizisten und Feuerwehrmänner gegen die Zeit: Ein belgischer Bus mit 52 Schülern und Lehrern war auf der Autobahn 9 bei Siders in Richtung Sitten im südlichen Schweizer Kanton Wallis schwer verunglückt. Die Passagiere wollten vom Winterurlaub in den Schweizer Bergen in die Heimat zurückkehren. Doch am Dienstag um 21 Uhr 15 prallte der Bus gegen eine Tunnelmauer. Für mehr als die Hälfte der Insassen kam jede Hilfe zu spät: 28 Menschen starben: 22 davon Kinder, alle um die zwölf Jahre alt. Vier Lehrer und die beiden Busfahrer kamen ebenfalls ums Leben. Die anderen 24 Reisenden erlitten zum Teil schwerste Verletzungen. Die meisten Todesopfer und Verletzten kamen aus Belgien, auch einige Niederländer verunglückten. Unter den Verletzten ist laut Auswärtigem Amt auch ein deutscher Jugendlicher.

Der Zürcher Tagesanzeiger zitiert auf seiner Website ein überlebendes Mädchen: „Die Sitze flogen umher, plötzlich fand ich mich eingeklemmt zwischen zwei Sitzen wieder.“ Die 12-Jährige brach sich bei dem Unfall beide Beine und einen Arm. Andere Kinder, die aus dem Wrack geborgen wurden, konnten nichts sagen. Der Schock hatte sie verstummen lassen.

Die Retter mussten die Seitenteile des zertrümmerten Gefährtes aufschneiden, um zu den Toten und Versehrten zu gelangen. Ein Retter, Alain Rittemer, sagte einem französischen Sender: „Es übersteigt alles vorstellbare. So etwas habe ich in meinen 20 Jahren beim Notfalldienst noch nie erlebt.“ Andere Helfer kämpften mit den Tränen – vor allem der grausame Tod so vieler Kinder schockte die Männer. „Eine Tragödie dieses Ausmaßes hat es im Wallis noch nie gegeben“, bilanzierte der Chef der Kantonspolizei, Christian Varone. Und im gesamten Alpenraum haben die Menschen seit dem Feuer im Mont Blanc-Tunnel Ende der Neunziger Jahre, bei dem 39 Menschen umkamen, eine vergleichbare Tragödie nicht mehr beklagen müssen.

Von Belgiens König über den EU-Kommissionspräsidenten bis zum Schweizer Parlament kommen Mitleidsbekundungen für die Angehörigen. Viele von ihnen wussten mehr als zwölf Stunden nach dem Horrorcrash noch nicht, ob ihre Liebsten tot waren oder ob sie sich verletzt hatten. Denn die Identität vieler verstorbener Kinder konnte lange nicht geklärt werden, die Leichen waren zu stark verstümmelt. Am Mittwoch trafen Väter, Mütter und andere Angehörige der Opfer in der Schweiz ein. Auch Premierminister Elio Di Rupo reiste zum Unglücksort.

Viele Fragen blieben zunächst unbeantwortet. Vor allem: Warum verlor der Fahrer die Kontrolle über den Bus? „Ich kann den Unfall nicht nachvollziehen“, sagte der Bürgermeister von Anniviers, Simone Epiney. In Anniviers hatten die Mädchen und Jungen aus den flämischen Orten Lommel und Heverlee mit ihren Lehrern den Winterurlaub verbracht.

Nach Angaben des Pressesprechers der Walliser Kantonspolizei, Renato Kalbermatten, könnte sich der Unfall folgendermaßen ereignet haben: „Nach ersten Erkenntnissen hat der Fahrer die Herrschaft über das Fahrzeug verloren und einen Randstein touchiert und ist danach frontal in eine Nothaltestelle des Tunnels geprallt.“ Die Frontseite des Gefährts wurde komplett zerstört, die Passagiere in diesem Bereich hatten keine Chance. Aus dem hinteren Teil flogen vermutlich Menschen nach vorne. Mehr als zwanzig Stunden nach der Katastrophe präsentierte der Schweizer Ermittlungsrichter Olivier Elsig weitere Erkenntnisse: „Der Bus fuhr nicht zu schnell“, sagte er. Kein anderes Fahrzeug habe eine Rolle gespielt, die Straße sei nicht schadhaft gewesen. Die Behörden ermitteln jetzt in drei Richtungen: Hatte das Fahrzeug einen technischen Schaden? Litt der Fahrer unter Gesundheitsproblemen? Lag schlicht menschliches Versagen vor?

Wie die belgische Regierung bestätigte, waren die beiden Busfahrer der Gesellschaft Toptours aus dem flämischen Aarschot am Montagabend in dem Ferienort der Schüler eingetroffen. Offensichtlich legten die beiden Männer den vorgeschriebenen Ruhetag ein. Als die Fahrer am Dienstagabend zu der verhängnisvollen Fahrt aufbrachen, dürften sie nicht übermüdet gewesen sein. Nach Angaben des belgischen Außenministers Didier Reynders begleiteten zwei weitere Busse das Unglücksfahrzeug, sie aber setzten ihre Fahrt fort. Warum die Begleitfahrzeuge nicht stoppten, blieb unklar. Belgische Regierungskreise betonten den „exzellenten Ruf“ der Bus-Firma Toptours. Das Unglücksfahrzeug habe der „neuesten Generation“ gehört und über alle nötigen Sicherheitsvorkehrungen verfügt. Firmenfahrer müssten eine spezielle Ausbildung für winterliche Berggebiete absolvieren. Doch diese Erklärungen können die Familie nicht trösten.

Die vermutlich letzten Lebenszeichen vieler verstorbener Kinder fanden sich auf einem Blog. Über den Internetbotschafter versorgten die Schüler ihre Eltern mit Urlaubsnachrichten. Ein Schüler aus Heverlee schrieb: „Liebste Mama und Papa, es ist sehr cool. Das Essen ist sehr lecker. Es funktioniert alles sehr gut beim Skifahren. Aber ich vermisse euch so sehr.“ Der Blog ist jetzt nicht mehr zugänglich.

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