Welt : Und sie kriegen sich doch

Donald McCaigs Roman „Rhett“ setzt eine der berühmtesten Liebesgeschichten fort

Christina Tilmann

Die Edelprostituierte Belle Watling hat sich entschlossen, Rhett Butler zu heiraten. Und holt sich Rat bei der tugendhaften Melanie Wilkes, wie man es anstelle, eine Dame zu werden. Melly schleppt Belle zu der besten Schneiderin von Atlanta, wo selbst die Schneiderpuppen hochgeschlossene Blusen tragen, und ermahnt sie, nicht zu viel von Geschäften und Politik zu reden und lieber Bücher zu lesen: „Romane, weil Damen oberflächlich sind, Poesie, weil Damen gefühlsselig sind, und Predigten, weil wir fromm sind. Und Ihre Diktion, Belle: Ahmen Sie die Romanheldinnen nach. So reden Damen.“

Ein ähnliches Lifting wie die fröhliche Edelhure Belle, die sich die Schminke abwischt und fortan nur noch hochgeschlossene Kleidung in gedeckten Farben trägt, hat nun einer der berühmtesten Schmöker aller Zeiten bekommen: In dieser Woche ist Donald McCaigs Fortsetzungsroman „Rhett“ erschienen, weltweit zeitgleich, in Millionenauflage. Und siehe da: Die schrillen Farben, die undamenhaften Töne einer literarischen Edelhure, sprich eines gehobenen Unterhaltungsromans, hat das Buch verloren. Statt eines faszinierend unmoralischen Protagonisten namens Rhett Butler, der für immer die Züge von Clark Gable tragen wird, versucht es uns einen geläuterten Helden zu verkaufen. Und kleidet sich dafür in das seriöse Gewand eines Historienromans.

Donald McCaig, Schafzüchter und Autor mehrerer Bürgerkriegsromane sowie diverser Hundebücher, macht das nicht einmal schlecht. Mit der Entscheidung, Scarlett O’Haras Geschichte nun endlich aus der Sicht der männlichen Hauptfigur zu erzählen, kann er auf bewährtes Material zurückgreifen – und ganz nebenbei so einiges geraderücken. Denn Margaret Mitchells 1937 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Tausendseiter hat aus heutiger politisch korrekter Sicht durchaus einige Schönheitsfehler aufzuweisen. Nicht nur, dass die Autorin ein glühendes Loblied auf die untergegangene Südstaaten-Noblesse singt, deren prominentester Vertreter der etwas kraftlose Ashley Wilkes ist – auch dem Ku-Klux-Klan steht sie nicht gerade kritisch gegenüber. Die Schwarzen, die sie als geistig minderbemittelt schildert, wären besser in der Sklaverei geblieben, statt als Freie weißen Frauen nachzustellen und damit nicht nur das Klan-Mitglied Ashley Wilkes, sondern auch den edlen Rächer Rhett Butler auf den Plan zu rufen, der bei Mitchell „einen Neger erschlagen hat, weil er unverschämt gegen eine Frau gewesen war. (...) Was blieb einem Südstaaten-Gentleman da anderes übrig?“

Keine Frage, dass sich die Szene bei Donald McCaig nun ganz anders liest. Zwar bleibt auch er, dem historischen Lokalkolorit zuliebe, bei der Bezeichnung „Neger“ oder „Nigger“, doch sein Rhett ist seit seiner Jugend ein Freund der Schwarzen, hat sich mit seinem Vater überworfen, weil dieser seine Sklaven brutal züchtigen ließ und gibt nun, in der entscheidenden Szene, seinem schwarzen Freund Tunis Bonneau den Gnadenschuss, damit dieser nicht in die Hände des blutdürstigen Ku-Klux- Klans fällt. Eine schwere Kindheit als Erklärung für spätere Unbotmäßigkeit: das reicht, um aus Rhett Butler einen Helden von heute zu machen, komplexbeladen, heimlich liebend und, ach, viel zu verständnisvoll.

So weit politisch korrekt also – und keine geringe Leistung, wenn man bedenkt, dass die Mitchell-Erben, die seit Jahren das profitträchtige Spiel mit den Fortsetzungsroman betreiben, für jede autorisierte Fassung eine Vertragsklausel vorgesehen hatten, wonach die Geschichte von jeder Anspielung auf „Homosexualität oder Rassenmischung“ freizubleiben habe. Was Pat Conroy, einen der Fortsetzungskandidaten, prompt dazu brachte anzukündigen, sein erster Satz solle lauten: „Nach dem Liebesakt drehte sich Rhett Butler zu Ashley Wilkes um und sagte: ,Ashley, habe ich eigentlich erwähnt, dass meine Großmutter eine Schwarze war?’“

Pat Conroy war nicht der Einzige, dem das Placet verwehrt blieb. Nachdem die Trivialautorin Alexandra Ripley 1991 mit „Scarlett“ auftragsgemäß einen Kassenerfolg gelandet hatte mit der Vorstellung, Scarlett O’Hara habe sich nach ihrer Liebespleite nach Irland abgesetzt, um schließlich mit dem geliebten Rhett das Landgut Tara wieder aufzubauen, konnte Alice Randall ihre Parodie „The Wind Done Gone“, die konsequent aus Sicht der Sklaven erzählt ist, erst nach einem Rechtsstreit mit den Erben publizieren. Emma Tennant, bekannt als Jane-Austen-Fortsetzerin, der nach dem Tod von Ripley die Aufgabe einer weiteren Fortsetzung zugefallen war, blieb nach Meinung der Erben zu britisch-vernünftig im Ton – sie wurde abgefunden mit der Auflage, ihr fertiges Buch nie erscheinen zu lassen. Margret Mitchell übrigens hatte sich bis zu ihrem Unfalltod 1949 geweigert, eine Fortsetzung zu schreiben oder schreiben zu lassen.

Donald McCaig nun darf sich der vollen Zustimmung der Erben gewiss sein. Ob das allerdings auch für die Leser gilt? Sicher, sein 600-Seiten-Wälzer liest sich erstaunlich flüssig und prunkt mit einer Fülle von historischen Bürgerkriegsdetails. Auch die Entscheidung, die Story von Rhett und Scarlett auf ein ganzes Familienepos rund um Rhetts Schwester Rosemary, den Südstaaten-Helden Andrew Ravanel sowie die finster-bigotte Familie Watling auszudehnen, sorgt für Spannung – und auch Belle Watling bekommt noch eine zweite Chance. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass McCaig uns statt eines hinreißenden Verführers einen braven Alltagshelden geliefert hat.

Und nachdem Tara am Ende dramatisch niedergebrannt und das Liebespaar Scarlett und Rhett sich endlich in den Armen liegt, verheißt uns der letzte Satz: „Und das war noch lange nicht das Ende.“ Es klingt wie eine Drohung.

Donald McCaig, Rhett, Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum, Hoffmann & Campe Verlag Hamburg 2007, 640 Seiten, 23 Euro.

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