Unfallfahrt : Böhse Onkelz-Sänger droht Knast

Kevin Russell, der Sänger der Band „Böhse Onkelz“, ist offenbar als Unfallfahrer überführt – die DNA-Probe ist ausgewertet. Er steht im Verdacht, in der Silvesternacht auf der A 66 einen Wagen gerammt und Fahrerflucht begangen zu haben. Die Opfer überlebten schwer verletzt.

Niklas Chimirri

Es wird eng für ihn. Kevin Russell, Sänger der Band „Böhse Onkelz“, ist derzeit noch auf Kaution frei. Aber wenn die Meldung der „Bild“-Zeitung stimmt, nach der seine DNA-Probe belegt, dass er der Unfallfahrer auf der A 66 ist, dann könnte sich das schnell ändern. Die Justiz wollte am Montag zum Ergebnis des DNA-Tests noch nichts sagen, sie will erst heute an die Öffentlichkeit treten.

Kevin Russell steht im Verdacht, in der Silvesternacht auf der Frankfurter Stadtautobahn A 66 einen Opel gerammt und Fahrerflucht begangen zu haben. Die zwei 19 und 21 Jahre alten schwer verletzten Opfer wurden von Unbeteiligten aus dem brennenden Wrack gerettet, während der Täter über die Felder floh.

Die Polizei hatte Russell am Neujahrstag im Luxushotel „Villa Rothschild“ im Taunus festgenommen. Neben dem Gaspedal des PS-starken Audis, den Russell gefahren haben soll, fanden sich künstliche Zähne, die auf ihn hindeuteten. Außerdem fanden sich DNA-Spuren auf dem Airbag. Um das Ergebnis ihrer Auswertung geht es jetzt.

Das Fahrzeug selbst war zwar auf einen Bekannten gemeldet. Dieser gab jedoch zu Protokoll, das Auto zuvor per Nutzungsvertrag an Russell abgegeben zu haben. Russell besitzt keinen Führerschein, er hatte ihn wegen einer Trunkenheitsfahrt verloren. Außerdem ist er nach einem Drogendelikt auf Bewährung frei. Diese Bewährung könnte jetzt widerrufen werden. Nach seiner Festnahme nach dem Unfall wurden Drogen in seinem Blut festgestellt. Sollten sich die Verdachtsmomente erhärten, dann droht dem Sänger eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung, unterlassener Hilfeleistung, Fahrerflucht, Fahrens ohne Führerschein und Fahrens unter Drogen. Das kann zu einer mehrjährigen Haftstrafe führen.

Es wäre der Endpunkt eines langen persönlichen Abstiegs. Russell, der aus schwierigen Verhältnissen stammt, gründete 1980 im Alter von 16 Jahren mit zwei Freunden die „Böhsen Onkelz“. Auf der offiziellen Webseite der Band wird sein familiärer Hintergrund ausführlich dargelegt und als Grund für seine „unreflektierten Gewaltausbrüche“ genannt. Die Band machte anfangs schnell mit ausländerfeindlichen Passagen von sich reden. So wurden die Musiker zu Idolen der rechten Skinhead-Szene: Fans begrüßten ihre Bühnenhelden gerne mit dem Hitlergruß und „Ausländer raus“-Rufen. Ihr erstes Album „Der nette Mann“ landete prompt auf dem Index. Nach und nach distanzierten sich die „Onkelz“ von der rechtsextremen Szene. Anfang der neunziger Jahre dann wendeten sie sich nach mehreren rassistischen Übergriffen in den neuen Bundesländern offen gegen Ausländerfeindlichkeit. Manche Kritiker nehmen ihnen bis heute diese Wandlung nicht ab. In jedem Falle aber brachte ihnen diese Öffnung 1994 einen ersten Vertrag mit einem großen Label ein. Mit der zunehmenden Vermarktung erspielte sich die Gruppe eine breit gefächerte Fangemeinde und landete später sogar auf Platz eins der Albumcharts. Meist gegenläufig zum steten Aufstieg der Band entwickelte sich die Verfassung Russells. Der offiziellen Webseite zufolge hatte der Sänger einen ersten psychischen Rückschlag, als ein enger Freund der Gruppe 1990 erstochen wurde und in den Armen des Sängers verblutete. Seitdem sei seine Geschichte eine voller Extreme, gezeichnet von Alkohol- und Drogenexzessen, offenen Anfeindungen und Selbstverletzung. Vor allem die Auflösung der Band 2005 scheint er nur schwer verkraftet zu haben: Nach einem weiteren Drogenrausch musste er Anfang 2006 in ein künstliches Koma versetzt werden, um gerettet zu werden.

Seit einiger Zeit war es still um Russell geworden. Sein Rückzug in ein Luxushotel wurde nun jäh unterbrochen.

Neben den gefundenen Zähnen und der DNA-Analyse gibt es weitere Indizien dafür, dass er der Unfallfahrer ist. Die Polizei hatte ein Überwachungsvideo einer dem Unfallort nahe gelegenen Tankstelle ausgewertet. Dieses zeigt den Tatverdächtigen Minuten vor dem Unfall in einem weißen Pullover. Ebendieser war am Folgetag, als die Polizei Russell festnahm und seine Kleidung sicherstellte, nicht mehr aufzufinden. Der Sänger gab zu Protokoll, das Verschwinden des Kleidungsstückes nicht erklären zu können.

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