Welt : Ungarns beliebtester Bankräuber führt die Polizei an der Nase herum

Katharina Kalman

Der populärste Mann Ungarns ist zur Zeit weder ein erfolgreicher Fußballer, noch ein Fernsehstar und schon gar kein Politiker. Die höchsten Einschaltquoten erreichen die ungarischen Fernsehanstalten, wenn es um den legendären Bankräuber "Whisky" geht, um den schneidigen Attila Ambrus, der mit Schirm, Charme und Melone bereits 27 Banken in Ungarn überfallen hat und nun am 10. Juli aus dem Sicherheitstrakt des Budapester Gefängnisses geflohen ist.

"Whisky" heißt er, weil er gewöhnlich vor jedem Bankraub einen Whisky genießt. Er arbeitet immer aufs Originellste verkleidet und mit unglaublicher Höflichkeit, überreicht den Kassiererinnen Blumensträuße und schießt auf Niemanden. Seit 1993 betreibt er dieses Spielchen, hat dabei mehr als eine Million Mark einkassiert, eine Weltreise gemacht und seine vielen Verehrerinnen reich beschenkt. Bekannt war er ja schon vorher gewesen: Als Hockeystar der Mannschaft aus Ujpest unter dem Name "Black Label", denn er hat wunderschöne schwarze Haare und große, dunkle Mandelaugen. Irgendwann einmal fehlte es ihm an Geld, so hatte er kurz vor seiner Flucht einem TV-Team in seiner Zelle erzählt. Und da habe er die Nase voll gehabt von all den korrupten Bank-und Parteichefs, die sich seit der Wende vor allem in die eigene Tasche privatisieren, während der kleine Mann im eigenen Land darben muss. Fünf Jahre lang hat er die ungarische Polizei an der Nase herumgeführt, bis er schließlich im Januar dieses Jahres festgenommen werden konnte.

Schuld daran war sein Hund Don, den er immer bei sich hat und der sich während eines Bankraubes in den langen Gängen der Bank verlaufen hatte. Ohne Don wollte Whisky trotz reicher Beute die Bank nicht verlassen und er suchte ihn. Ein unglaublicher Zeitgewinn für die Polizei, die ihn nun endlich stellen konnte. Doch seine Verhaftung machte ihn erst zum Helden. Denn vor allem die ungarische Damenwelt war hingerissen von so viel Liebe zu einem Hund. "Ein Mann, der seinen Hund so sehr liebt, kann kein schlechter Mensch sein", stand im Leserbrief einer Frauenzeitschrift. Und außerdem tut er ja sowieso nur das, was so viele in diesem Land gerne selbst unternehmen würden. Die meisten der ungarischen Durchscnittsbürger haben es nämlich satt: Polizeikorruption, illegaler Autohandel, Geldwäscherrei und Bankskandale bis in die höchsten Kreise. Deshalb finden alle toll, was Whiksy da so treibt. Wohl kaum einer würde ihn ausliefern, "selbst dann nicht, wenn er zufällig zu mir ins Auto stiege... so eine lächelnde junge Frau vor der laufenden Kamera des ersten ungarischen Fernsehens. "Die Leute sind blöd", beschwert sich dagegen der Sprecher der Budapester Kriminalpolizei, Mihaly Dezsi, "Attila Ambrus ist einer der gefährlichsten Bankräuber und damit basta." Doch seine gelungene Flucht aus dem Gefängnis wird wie ein großes sportliches Ereignis gefeiert. Man trinkt in der Mittagspause neuerdings Whisky an den Bars und für Turisten gibt es schöne T-Shirts zu kaufen: mit "go Whisky go" oder "I love Whisky" oder sogar "Whisky schlag die Polizei" drauf. Wo Whisky ist, weiß zur Zeit keiner. Und während die Ungarn in der Mittagspause mit einem Glas Whisky am Tresen stehen, fragen sie sich, wo er denn nur stecken könnte - ihr Held. Ist er noch am Plattensee oder schon unter Palmen in Hollywood? Denn ein neues Gerücht geht bereits um. Angeblich soll ihm ein amerikanischer Regisseur fünfhunderttausend Dollar für seine Geschichte geboten haben.

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