Unglück auf der A3 : Explosives Erbe

Mehr als 60 Jahre nach seinem Ende sterben immer noch Menschen an den Altlasten des Zweiten Weltkrieges. Am Montag kam ein Bauarbeiter durch einen Blindgänger auf der A 3 in der Nähe von Aschaffenburg ums Leben.

Berlin - Der letzte tödliche Bomben-Unfall auf einer Baustelle in Deutschland ereignete sich nach Angaben von Kampfmittelexperten 1994 in Berlin. Damals detonierte eine Fliegerbombe in einer Baugrube. Drei Arbeiter wurden getötet, acht Menschen zum Teil schwer verletzt. Solche schweren Bomben-Unfälle bei Bauarbeiten seien sehr selten, sagte ein Mitarbeiter des Brandenburger Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Das Bundesland gilt mit rund 400.000 Hektar Verdachtsfläche als am stärksten mit Munition belastete Region in der Bundesrepublik.

In den meisten Fällen werden die Blindgänger ohne Zwischenfälle entdeckt und entschärft. "Grundlage unserer Arbeit sind die Luftbilder der Alliierten, die direkt nach den Bombardements aus dem Flugzeug systematisch aufgenommen wurden", erläuterte der Fachmann. Trotz aller Vorsichtmaßnahmen bleibe ein "gewisses Grundrisiko", obwohl vor Baumaßnahmen in als belastet ausgewiesenen Gebieten Spezialisten mit entsprechender Technik den Boden absuchen. Mit diesem Kriegserbe werde man noch lange leben müssen. In Brandenburg wurden seit 1991 rund 10.000 Tonnen gefährlicher Kriegshinterlassenschaften aus dem Boden geholt.

24.832 Granaten in NRW

In Nordrhein-Westfalen entsorgten die Dienste allein im Vorjahr 29.500 Kampfmittel, darunter 24.832 Granaten und 1167 Bomben mit einem Gesamtgewicht von über 216 Tonnen. 2,4 Prozent der gefährlichen Entdeckungen mussten dabei direkt am Fundort gesprengt werden. Einen Großeinsatz hatten die Kampfmittelräumer vor dem Weltjugendtag in Köln: Vom Veranstaltungsgelände an den Rheinwiesen, wo Hunderttausende Menschen Papst Benedikt XVI. später zujubelten, wurden im Vorfeld unter anderem 63 Bomben, 2232 Sprengkörper und 73 Kilogramm Munitionsteile entfernt.

Der bayerische Kampfmittelbeseitigungsdienst barg 2005 rund 22 Tonnen Weltkriegsmunition. Darunter waren nach Innenministeriumsangaben 33 Spreng- und Splitterbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. In Sachsen fanden die Experten laut Polizei im Vorjahr fünf Bomben mit einem Gewicht von über zehn Kilogramm sowie 483 mit einer geringeren Masse. Darüber hinaus wurden rund 160 Minen geborgen.

1500 Einsätze in Niedersachsen

Der Munitionsbergungsdienst Mecklenburg-Vorpommern spürte im vergangenen Jahr 123 Tonnen Kampfmittel und Kampfmittelteile im ganzen Land auf. Die dortigen Experten gehen von 40.000 Hektar Kampfmittel-belasteten Flächen aus. In Niedersachsen müssen die Mitarbeiter der Entschärfungstrupps im Jahresmittel rund 1500 bis 1700 Mal ausrücken. Jährlich werden etwa 130 Bomben entschärft und rund 100 Tonnen Munition sichergestellt.

Warum der Sprengkörper bei den Arbeiten an der A 3 am Montag in die Luft ging, ist noch nicht geklärt. Experten zufolge gibt es mehrere Möglichkeiten: Der Blindgänger kann sich dort schon seit Kriegsende im Boden befunden haben. Es könnte aber auch bei Bauarbeiten zusammen mit Sand und Kies unentdeckt angeliefert worden sein. Zudem ist es möglich, dass der Sprengkörper im feuchten, lockeren Untergrund "gewandert" ist. (tso/ddp)

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