Unglück in den USA : Auf der Straße des Misserfolgs

Nach dem Unglück in Minneapolis werden in den USA 700 Brücken saniert – aber das ist nicht genug. Überall ist die Infrastruktur marode.

Rita Neubauer
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Hätte das Unglück verhindert werden können? Die Schäden an der Brücke sollen seit Jahren bekannt gewesen sein. -Foto: dpa

San FranciscoFür die Opfer kommt die Anweisung zu spät, doch sie könnte in Zukunft Menschenleben retten: Das US-Verkehrsministerium ordnete eine landesweite Überprüfung aller etwa 700 Brücken von der Bauart der kollabierten Mississippi-Brücke an. Die Autobahnbrücke bei Minneapolis war diesen Mittwoch eingestürzt und hatte Menschen und Fahrzeuge in die Tiefe gerissen.

Vor dem Einsturz, der fünf Todesopfer forderte – acht Menschen werden weiterhin vermisst – sind wiederholt Warnungen vor baulichen Mängeln laut geworden. Schon 1990 machte eine Untersuchung auf eine massive Verrostung von Brückenlagern – zentrale tragende Teile des Bauwerks – aufmerksam. Die Warnungen wurden mit einem Flickwerk an Reparaturarbeiten beantwortet.

Die 40 Jahre alte Mississippi-Brücke ist nicht die einzige, die unter „strukturellen Mängeln“ litt. Mehr als 70 000 Brücken, über die täglich 200 Millionen Fahrzeuge rollen, sind landesweit in einem ähnlich besorgniserregenden Zustand. „Der marode Zustand unserer Infrastruktur ist eine echte Bedrohung für die öffentliche Sicherheit und die Wirtschaft des Landes“, klagt Bill Marcuson, der Präsident des US-Ingenieurverbands American Society of Civil Engineering (ASCE). Vergessen werde oft, dass in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur der Verkehr zugenommen habe, sondern auch immer schwerere Laster die Brücken frequentieren. Diese alle zu erneuern, würde über 20 Jahre dauern und bis zu 188 Milliarden Dollar kosten. Bereits vor fünf Jahren war eine ähnliche Rechnung aufgemacht worden. Damals ging man noch von 55 Milliarden Dollar aus. Ob 55 oder 188 Milliarden, es ist unwahrscheinlich, dass die Regierung willens oder in der Lage ist, dies anzupacken. Auch weil sie täglich 270 Millionen Dollar im Irak-Krieg ausgibt.

Brücken sind nicht die einzigen Sorgenkinder der Supermacht. Fast die ganze Infrastruktur in den USA ist in einem schlechten Zustand.

Die gewaltige Explosion unterirdischer Dampfleitungen in New York, der Stromausfall in nahezu dem ganzen Nordosten der USA, völlig marode U-Bahn- und Bahnnetze, mit Schlaglöchern übersäte Straßen, Lecks in Hauptwasserleitungen, versagende Dämme und andere Katastrophenschutz-Einrichtungen nicht nur in New Orleans, lange Pendelzeiten, verstopfte Autobahnen und Flughäfen – die Liste ist lang.

Im Mai dieses Jahres hatte ein gemeinsamer Bericht des Washingtoner Urban Land Institutes und der Prüfungsgesellschaft Ernst & Young auf gravierende Defizite hingewiesen. In dem Bericht „Infrastructure 2007: A Global Perspective“ heißt es, dass die niedrigen Investitionen in die Infrastruktur die Fähigkeit des Landes, international konkurrieren zu können, einschränkt. Ein Beispiel: China plane 2500 Kilometer Bahn-Hochgeschwindigkeitsstrecken, die USA plant keinen einzigen.

Bei einer Finanzierungslücke von 1,6 Billionen Dollar für die nächsten fünf Jahre wagten es bisher wenige US-Politiker, das riesige Infrastrukturproblem ernsthaft in Angriff zu nehmen. Im Gegensatz zu Westeuropa, Kanada und Australien liegen die USA in Bereich der infrastrukturellen Privatisierung weit zurück. Die Amerikaner zeigen sich deutlich misstrauischer gegenüber der Möglichkeit privater Finanzierung ihrer Infrastruktur.

Wenn jedoch das Thema weiterhin vernachlässigt oder aufgeschoben wird, ist mit weitaus höheren Kosten für das Land zu rechnen. Langfristig kann es sich eine Weltmacht nicht leisten, ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Staaten mit besserer Infrastruktur aufs Spiel zu setzen.

Doch selbst wenn man die Versäumnisse nachholen würde, habe man nur einen Teil des Problems gelöst, schreibt die „Neue Zürcher Zeitung“ unter Berufung auf den Infrastrukturbericht. Grund dafür sei das amerikanische Siedlungsmodell. Mit seinem ausgedehnten Straßennetz, von Autobahnkreuzen umringten Vorstädten und der totalen Abhängigkeit vom Auto als Transportmittel sei diese Siedlungsform zunehmend ineffizient und wohl kaum zukunftstauglich.

Der US-Bürger aber würde nicht einsehen, wenn er für eine bessere Infrastruktur hohe Steuern wie in Europa zahlen müsste. Deshalb wird sich in absehbarer Zeit nichts daran ändern, dass die USA niedrigere Steuern und eine schlechtere Infrastruktur haben, während Europa eine bessere Infrastruktur und höhere Steuern hat. Wenn man aber alles erst in letzter Minute reparieren will, dann ist das manchmal zu spät. Wie jetzt in Minneapolis.