Welt : Unglück von Kaprun: Der steile Weg nach oben

Paul Kreiner

Kaprun sieben Monate nach der Katastrophe: Mit einer neuen Seilbahn soll es wieder nach oben gehen. Die 60 Millionen Mark sind beisammen, schon im Dezember soll, jedenfalls den Skifahrerzahlen nach, alles wieder so sein wie früher. Doch die Erinnerung an den schrecklichen Unfall liegt nicht zuletzt deshalb wie ein Schatten über dem Projekt, weil die Ursache der Katastrophe immer noch unklar ist. 155 Menschen kostete der Brand im steilen Tunnel das Leben. Wie der Brand zu Stande kam, weiß man bis heute nicht.

Das ausgebrannte Wrack der Gletscherbahn wird auf einem Industriegelände in Linz untersucht. "Bis Jahresmitte" rechnet der Präsident des Salzburger Landesgerichts, Walter Grafinger, mit Gutachten. Indes widersprechen sich in den österreichischen Medien die Experten. Ein Heizlüfter in der Führerkabine des Zuges soll Ursache gewesen sein, und illegal eingebaute Holzbretter sollen den Brand unterstützt haben - sagt der eine. Andere meinen, "ein Zusammenspiel von Elektrik und Hydraulik" habe das Feuer verursacht; der Brand sei schon vor Abfahrt des Zuges entstanden. Und in den "Salzburger Nachrichten" heißt es von einem Sachverständigen schlicht: "Wir gehen von einer Ursache aus, aber ein Nachweis wird nicht möglich sein."

Sätze wie diese schüren bei Zweiflern den Verdacht, hier könnte verschleiert und vertuscht werden. Denn wenn kein konkretes Verschulden, kein Schuldiger nachzuweisen ist, spart man sich Entschädigungszahlungen.

Eingeräumt haben die Kapruner Gletscherbahnen, dass sich die letzte TÜV-Untersuchung 1997 nicht auf den Brandschutz erstreckt hat. Der TÜV rechtfertigt sich mit dem Argument, die Prüfverordnung beziehe sich nur "auf Maschinen- und Elektrotechnik". Eingeräumt wurde auch, dass 1994 Lärchenholzbretter und Dämmmaterial in die Führerstände eingebaut worden sind, um dort die eiskalte Zugluft zu unterbinden. "Illegal", sagen die Gletscherbahnen als Betreiber der Anlage, seien diese Einbauten aber nicht gewesen. Den Behörden wurden sie dennoch nicht gemeldet; das Verkehrsministerium sagt jetzt, man habe davon nichts gewusst - kontrolliert scheint man aber auch nicht zu haben. Ob die Holzverschalung mit dem Brand etwas zu tun hat, wird noch geprüft.

Jetzt will sich Kaprun selbst aus dem Katastrophental befreien. Wenn nächstes Jahr die neue, die "modernste, sicherste und beste Seilbahn der Welt" bis ganz oben führt, will man die Kapazität der täglich beförderten Skitouristen auf 15 000 ausweiten. Die Tunnelbahn bleibt dagegen für den Personenverkehr gesperrt; ob sie als Materialseilbahn für die Bergstation verwendet oder gänzlich still gelegt wird, ist derzeit noch offen.

Offen ist auch, wie in Kaprun künftig der Opfer der Bergbahn-Katastrophe gedacht wird. Zuletzt waren einige Hinterbliebene aus Wien nach Kaprun gekommen und hatten in Eigenregie 155 Holzkreuze an der Straße zur Unglücksbahn aufgestellt. Die Aktion hat die Gefühle in Kaprun aufgewühlt. Drei Tage später standen die Kreuze nicht mehr. Ein Einheimischer, dessen Kind im Tunnel verbrannt war, hatte sie mit dem Auto niedergemäht. Zur Begründung sagte er, er habe die ständige Konfrontation mit dem Unglück nicht mehr ertragen.

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