Universität Hannover : Sommercamp gegen das Stottern statt Badeurlaub

Sie stolpern über Buchstaben und bekommen manchmal selbst den eigenen Namen nicht flüssig heraus. Stotterer leiden unter einer der häufigsten Sprachstörungen. Therapeuten der Universität Hannover helfen Jugendlichen seit 15 Jahren, das Stocken loszuwerden.

Der Abiturient Johannes trainiert am 27.07.2015 in Wölpinghausen (Niedersachsen) während des Sommercamps der Universität Hannover gegen Stottern Sprachübungen. Foto: dpa
Der Abiturient Johannes trainiert am 27.07.2015 in Wölpinghausen (Niedersachsen) während des Sommercamps der Universität Hannover...Foto: dpa

Wenn seine Freunde in die Sonne fliegen oder zumindest für den Urlaub jobben, übt Marius flüssiges Sprechen. Bereits zum sechsten Mal verbringt der 20-Jährige zehn Tage seiner Ferien im Sommercamp für stotternde Jugendliche in der Nähe des Steinhuder Meeres (Niedersachsen). „Am Anfang war ich einer der schwierigsten Fälle. Ich konnte kaum ein Wort herausbringen“, sagt der Student der Wirtschaftspsychologie aus Köln. Doch die zehntägige Intensivtherapie im Sommer hilft ihm. Mittlerweile spricht er locker, ohne ein einziges Mal ins Stocken zu geraten.

Seit 15 Jahren organisiert das Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover das Sommercamp für 14- bis 30-Jährige. Den 16 Teilnehmern mit Sprachproblemen stehen ebenso viele Studenten und Therapeuten gegenüber. Das Camp wird wissenschaftlich begleitet und neuen Erkenntnissen angepasst. So spielen Atem- und Körperwahrnehmungsübungen eine weit größere Rolle als früher. In die Einzel- und Gruppentherapie fließen Elemente aus der Schauspiel- und Gesangsausbildung ein. „Verspannungen in den Kinnmuskeln und im Kehlkopf müssen gelöst werden“, sagt der Sonderpädagogik-Professor und Erfinder des Camps, Rolf Bindel. Im Alter zwischen zwei und fünf Jahren erlebt jedes fünfte Kind eine Phase, in der es über Worte stolpert. Meist verschwindet das Problem wieder von alleine.

Jungendliche trainieren am 27.07.2015 in Wölpinghausen (Niedersachsen) während des Sommercamps der Universität Hannover gegen Stottern Sprachübungen. Foto: dpa
Jungendliche trainieren am 27.07.2015 in Wölpinghausen (Niedersachsen) während des Sommercamps der Universität Hannover gegen...Foto: dpa

Rund 800.000 Menschen in Deutschland stottern jedoch dauerhaft, etwa 80 Prozent von ihnen sind Männer. Sie erleben laut Bindel häufig Diskriminierungen, weil viel zu wenig über das Stottern bekannt sei. Ein gängiges Vorurteil etwa laute, dass wer langsamer spricht, auch langsamer denkt. Marius' Lehrer hielten ihn oft für faul: „Ich hatte aber Angst, mich zu melden. Besonders lautes Vorlesen war der Horror.“ Im Gegenzug kassierte er schlechte Noten. Dabei sind Lehrer eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet, die Sprachbehinderung zu berücksichtigen und zum Beispiel stotternden Schülern mehr Zeit in einer mündlichen Prüfung einzuräumen. Nachteilsausgleich lautet der Fachbegriff dafür. „Bei mir waren die Lehrer und Noten nicht das Problem, aber dafür die Mitschüler“, erzählt Johannes aus Hamburg. In der Grundschule wurde der heute 16-Jährige wegen seines Sprechfehlers gemobbt, er zog sich immer mehr zurück. Nach drei unterschiedlichen Therapien ohne Erfolg brachte das Camp im idyllischen Wölpinghausen vor einem Jahr für ihn den Durchbruch. „Hier ist es freier als in anderen Therapien“, sagt der Schüler.

Nach Einzel- und Gruppenübungen am Vormittag stehen am Nachmittag ein Theater-Workshop oder Video-Arbeiten auf dem Programm. Abends wird gemeinsam gegrillt und gesungen. Die Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe (BVSS) empfiehlt die von der Universität Hannover organisierte Intensivtherapie am Steinhuder Meer neben zwei weiteren deutschen Camps in Reichenau und Berg am Starnberger See sowie zwei Camps in Österreich und der Schweiz. Ein Intensivkurs helfe, gelassener mit dem Stottern umzugehen, sagt die stellvertretende BVSS-Vorsitzende Martina Wiesmann. Wichtig sei es aber, einen seriösen Anbieter zu wählen. Der 16-jährige Johannes hofft, dass er den Erfolg des zehntägigen Sommercamps nach den Ferien mit in den Alltag nehmen kann. Bei Verabredungen mit Freunden verlegt er sich im Moment noch oft auf Textnachrichten. „Dabei bin ich eigentlich einer, der gerne redet“, sagt Johannes. (dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar