Universitätsklinikum Großhadern in München : Mordversuch im Kreißsaal

Die Vorwürfe sind kaum zu fassen: Eine Münchner Hebamme soll versucht haben, werdende Mütter im Kreißsaal zu töten. In der Klinik ist man erschüttert. Gerüchte um einen Vorfall soll es an einem früheren Arbeitsplatz der Frau gegeben haben.

Der Eingang zum Entbindungsbereich des Klinikum Großhadern in München (Bayern).
Der Eingang zum Entbindungsbereich des Klinikum Großhadern in München (Bayern).Foto: dpa

Als Hebamme sollte sie Kindern ins Leben helfen - versuchte sie stattdessen, vier Müttern das Leben zu nehmen? Der unglaubliche Verdacht auf versuchten Mord gegen eine Mitarbeiterin erschüttert das Münchner Universitätsklinikum Großhadern. Als zuständige Hebamme soll die Frau vier werdenden Müttern vor einem Kaiserschnitt das blutverdünnende Mittel Heparin verabreicht haben. Die Frauen, die allesamt wegen Vorerkrankungen vor einer Risikogeburt standen, verloren literweise Blut. Transfusionen wurden nötig und weitere Operationen. Eine Patientin musste eine Nacht mit einem Tuch im Bauch verbringen, weil die Blutungen einfach nicht zu stoppen waren.
Inzwischen sind die Frauen wohlauf, heißt es vonseiten der Klinik, die die betroffenen Familien kurz nach der Anzeige persönlich informierte. In einem kleineren Krankenhaus wäre die Sache aber vermutlich nicht so glimpflich ausgegangen. „So schrecklich es ist, es ist gut, dass es hier passiert ist und nicht in einer kleineren Abteilung“, sagt der Direktor der Frauenklinik in Großhadern, Klaus Friese.
Dort, am renommierten Uni-Klinikum, wo sich diese Dramen zwischen April und Juni dieses Jahres abspielten und sich die Nachricht am Donnerstag wie ein Lauffeuer verbreitete, ist man fassungslos über das, was der 33 Jahre alten Hebamme vorgeworfen wird. Von einer „ganz fürchterlichen Situation“ spricht Friese: „Wir kommen uns vor wie in einem schlechten Film.“ Und der ärztliche Direktor des Klinikums, Karl-Walter Jauch, sagt: „Wir sind betroffen, wir sind erschüttert.“ Für die Mitarbeiter, deren Kollegin seit vergangenem Freitag wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft sitzt, wurde eine Krisenbegleitung eingerichtet.
Dem wissenschaftlichen und detektivischen Eifer des Krankenhauses ist es wohl zu verdanken, dass das mutmaßliche Verbrechen überhaupt aufgedeckt wurde und die verdächtige Hebamme inzwischen in Untersuchungshaft sitzt. Ohne die Anzeige der Klinik am 10. Juli wäre das Ganze nicht ans Tageslicht gekommen, sagen die Ermittler. Auch nach Bekanntwerden des Falls zeigen die Mediziner sich um Transparenz bemüht. Schließlich steht auch ein Ruf auf dem Spiel.

Heparin befand sich in den Schläuchen


Sie schildern den Fall so: Am 20. Juni kam es bei einer Patientin während des Kaiserschnitts zu Blutungen, die auch mit ihren Vorerkrankungen hätten zusammenhängen können. Das Blutbild aber stellte die Mediziner vor ein Rätsel. So suchten sie in der Datenbank des Hauses nach weiteren Fällen - und wurden fündig. Auch bei Komplikationen am 24. April und am 20. Mai gab es die gleichen Auffälligkeiten. Die Ärzte wurden stutzig. „Die Kollegen haben sich den Kopf zerbrochen“, sagt Jauch. Und als es am 26. Juni erneut zu Schwierigkeiten und besagtem ungewöhnlichen Blutbild bei einer Patientin kam, stellten sie die Infusionsflasche und die Schläuche sicher und untersuchten sie.

Die einzige Gemeinsamkeit der vier Frauen: die Hebamme

Das unglaubliche Ergebnis: Heparin befand sich darin, ein Mittel gegen Blutgerinnung, gegen Thrombose, das eigentlich in einem Kreißsaal überhaupt nichts zu suchen hat - außer zum Durchspülen der Geräte, wie Uwe Hasbargen vom Klinikum sagt. „Wir mussten den hochgradigen Verdacht haben, dass Patienten durch Manipulation zu Schaden gekommen sind“, sagt Jauch. Die einzige Gemeinsamkeit der vier Frauen: die Hebamme. „Eine andere Schnittmenge gab es nicht.“ Über das mögliche Motiv der Frau, die nach Polizeiangaben unverheiratet ist, keine Kinder hat und von ihren Kollegen als fachlich hoch qualifiziert und von Patienten geschätzt, aber introvertiert beschrieben wird, rätselt man auch in Großhadern. „Zum Motiv haben wir überhaupt keine Vorstellung“, sagt Hasbargen. Nach Klinikangaben kann ausgeschlossen werden, dass zwischen der Hebamme und den Patientinnen ein persönliches Verhältnis bestand. Sie hätten sich vorher nicht gekannt.
Bevor sie im Jahr 2012 als angestellte Hebamme an das Klinikum Großhadern kam, arbeitete die Frau außerhalb Bayerns. Und auch an einem früheren Arbeitsplatz soll es einen Vorfall gegeben haben, über den das Klinikum Großhadern aber nicht im Detail reden will. „Sie hatte ein völlig unauffälliges Zeugnis“, sagt Friese. Aber: „Es gab Hinweise“ und daraufhin ein Personalgespräch. Worauf genau es Hinweise gab, das will er nicht sagen. Die Ermittler aber wollen auch frühere Arbeitgeber der verdächtigten Hebamme kontaktieren.

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