Unschuld bewiesen : Ende eines endlosen Falles

13 Jahre musste er kämpfen. Elf Prozesse durchleiden. Jetzt hat der Bundesgerichtshof ein Urteil gesprochen: Harry Wörz wollte seine Frau nicht töten und hat es nicht versucht – nach 13 Jahren wird er freigesprochen.

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Vor Gericht. Harry Wörz (r.) und sein Anwalt Hubert Gorka am Mittwoch.
Vor Gericht. Harry Wörz (r.) und sein Anwalt Hubert Gorka am Mittwoch.Foto: dpa

Der letzte Akt in einem Drama, wie es in der jüngeren deutschen Kriminalgeschichte einzigartig ist: Am Mittwoch hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe den heute 44 Jahre alten Harry Wörz nach elf Prozessen in 13 Jahren endgültig freigesprochen. Der Pforzheimer Wörz sollte im April 1997 versucht haben, seine getrennt von ihm lebende Ehefrau zu töten – was er immer bestritt. Kurz nach der Tat wurde er verhaftet, für Wörz begann eine einmalige Prozess- und Leidensgeschichte. Das damalige Opfer sitzt gelähmt im Rollstuhl. Gefasst wurde der wahre Täter bis heute nicht.

„Justiz hat mit Gerechtigkeit so viel zu tun wie die Landeskirchenverwaltung mit dem lieben Gott“, zitiert Wörz den Schriftsteller und Juristen Herbert Rosendorfer auf seiner Website. Der Fall sei jetzt abgeschlossen, aber nicht für ihn, seine frühere Frau Andrea, seinen Sohn Kai. Ihm seien 13 Jahre seines Lebens gestohlen worden. Wörz nahm am Mittwoch seinen Freispruch persönlich entgegen: „Das hat viel zu lange gedauert“. Seine Zukunft sei verbaut. „Meine Gesundheit ist ruiniert, und meine Fröhlichkeit schwindet.“

Wörz’ Sohn wurde 1995 geboren, im Jahr darauf trennt man sich, Andrea Z., eine Polizistin, verliebt sich in einen Kollegen, Thomas H. In jener Aprilnacht ist sie allein, öffnet dem Täter nachts die Tür, oder der hat einen Schlüssel, man weiß es nicht. Der Täter will die Frau mit einem Schal strangulieren. In der Wohnung darunter wacht durch die Geräusche Wolfgang Z. auf, der Vater des Opfers, auch er Polizist. Der Täter knallt ihm eine Tür an den Kopf, verschwindet unerkannt. Wolfgang Z. glaubt bis heute, dass es sein früherer Schwiegersohn gewesen sein muss. Andrea Z. überlebt schwerstverletzt, ein hypoxischer Hirnschaden, wie er nach Sauerstoffmangel eintritt, Nervenzellen im Gehirn sind abgestorben. Sie kann auch weder sprechen noch laufen, eine Aussage hat sie deshalb nie gemacht.

Noch in der Tatnacht bringt Polizist Wolfgang Z. seine Kollegen auf die Spur von Harry Wörz, wenngleich auch nie ausgeschlossen war, dass der verheiratete Polizist Thomas H. die Tat beging. Neun Monate später verurteilt das Karlsruher Landgericht Harry Wörz zu elf Jahren Haft wegen versuchten Totschlags; der BGH verwirft seine Revision, das Urteil ist rechtskräftig. Im Jahr darauf fordern die Eltern des Opfers 300 000 Mark Entschädigung, doch der Prozess endet 2001 mit einer Überraschung, das Gericht weist die Klage ab, es hat Zweifel an der Schuld des Verurteilten. Wörz erzwingt über einige prozessuale Umwege aus der Haft heraus eine Wiederaufnahme vor dem Landgericht Mannheim, die 2005 mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen endet. 2006 hebt der BGH den Freispruch auf, wieder wird verhandelt, wieder freigesprochen, wieder kommt der Freispruch vor den BGH. „Das Landgericht Mannheim hatte Zweifel, dass Harry Wörz der Täter war. Und diesmal sind die Zweifel auch für den Senat nachvollziehbar vernünftig begründet“, sagte der Vorsitzende Richter des Strafsenats, Armin Nack.

Weshalb der Täter unbekannt blieb, ist unklar. Die Ermittlungen waren schlampig, in der Wohnung wurden Spuren verwischt. Auch Solidaritätsgefühle unter den beteiligten Polizisten könnten zu falschen Festlegungen geführt haben. Die Mannheimer Richter verdächtigen Thomas H. Gegen ihn wird weiter ermittelt. mit dpa

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