Welt : Unter der Oberfläche

Was passiert, wenn nach dem Tauchgang im Meer kein Boot mehr da ist? Chris Kentis’ Film „Open Water“ geht in die Tiefe

Ramon Mirfendereski

Man nehme einen unbekannten Regisseur, zwei ziemlich unbekannte Schauspieler, ein schmales Budget von 130 000 Dollar – und erhalte überraschenderweise einen der besten Psychothriller des Jahres. Chris Kentis’ Independentproduktion „Open Water“ ist eine echte Ausnahme. Sie bietet subtilen und feinsinnigen Horror, wie er schon lange nicht mehr in den Kinos zu erleben war.

Die Protagonisten Susan (Blanchard Ryan) und Daniel (Daniel Travis) wollen sich von ihrem stressigen Berufs- und Beziehungsalltag in der Karibik erholen. Als das Pärchen an einem Tauchausflug teilnimmt, wird es einfach im Meer vergessen – der Tourguide hatte irrtümlich eine falsche Strichliste angefertigt. Zunächst glauben die beiden nur an ein Missverständnis, doch bald realisieren sie, dass sie ganz allein auf offener See treiben. So weit entspricht der Film einer wahren Begebenheit. Die Vorlage nutzt Regisseur Kentis in seinem Film, um geschickt mit unseren Urängsten zu spielen: im endlosen Ozean über einem schwarzen Abgrund zu schwimmen, verlassen von jeder Menschenseele, in panischer Angst vor Haiangriffen – diese beklemmenden Gefühle vermittelt er mittels der Bilder seiner digitalen Handkamera auf sehr authentische Weise.

Die immer wiederkehrenden Perspektiven auf das trübe Meer, das Spiel mit dem Nicht-Wissen darüber, was unter der Wasseroberfläche lauert, sowie die wachsende Anspannung und Streitlust der Protagonisten angesichts ihrer Hilflosigkeit haben dabei eine so starke Sogwirkung, dass der Zuschauer seekrank wird.

„Open Water“ wurde nicht in einem riesigen Aquarium oder mit Hilfe von Doubles erzählt, sondern im offenen Meer. Sogar die Haie sollen echt gewesen sein – um sie anzulocken, hatte man am naturbelassenen Set extra ein bisschen rohes Thunfischfleisch verstreut.

Kentis steigert die Spannung ins Unerträgliche, wenn er für die Nachtaufnahmen einen komplett schwarzen Bildschirm wählt. Nur noch das Licht von Blitzen lässt schemenhafte Umrisse erkennen, gleichzeitig suggerieren Geräusche im Wasser sowie angsterfüllte Stimmen, dass das Paar von Haien bedroht wird. Anhand des Großstadt-Pärchens zeigt Kentis, wie schnell die als selbstverständlich hingenommene Kontrolle über das eigene Leben ins Wanken gerät – angesichts der unberechenbaren Natur, der menschliches Leben völlig gleichgültig ist.

„Wir schleichen uns in die exotischsten Paradiese dieser Welt“, sagt der Regisseur Kentis, „wir zementieren alles und genießen bunte Cocktails. Wir besuchen diese Orte mit großer Arroganz und vergessen, dass auch wir Teil dieser Nahrungskette sind.“

„Open Water“ muss völlig ohne aufwändige Spezialeffekte auskommen – das Budget war einfach zu knapp. Hochgelobt auf dem Sundance Film Festival, ist der Film seit dem ebenfalls preisgünstigen Wald-Thriller „Blair Witch Project“ ein erneuter Beweis, dass minimale Mittel extreme Spannung auf hohem Niveau erzeugen können.

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