Welt : Unter einem Dach: Ein Balanceakt zwischen Ich und Wir

Julia Rehder

Es sind bekanntlich die Kleinigkeiten, die allmählich immer größer werden und irgendwann die Liebe sprengen. Morgens können schon ein paar seiner Bartstoppel im Waschbecken genügen, um ihr die Laune gründlich zu verderben. Für ihn ist es vielleicht die Klopapierrolle, die ohne ein einziges Blättchen vor ihm auf dem Boden rollt und ihm unmißverständlich signalisiert, dass sie wieder einmal zu bequem war, um rechtzeitig für Nachschub zu sorgen. An Feiertagen wie Weihnachten oder eben auch Ostern ist die Chance, dass die Fetzen fliegen nach Meinung von Psychologen besonders hoch. Denn solche Tage sind normalerweise mit Erwartungen an eine besonders friedliche Stimmung verbunden.

Die Probe aufs Exempel machen Paare bereits wenn sie zusammenziehen. Oft verpufft die Illusion von einer harmonischen Zweisamkeit schneller, als die Farbe an den Wänden trocknet. Für sie ist das Maß vielleicht schon voll, wenn sie über seine Computertasche stolpert, sobald sie die Wohnungstüre aufschließt. Ihn nervt die Tatsache, dass sie reden will, wenn er versucht, vor dem Fernseher abzuschalten.

Solche oder ähnliche Szenen spielen sich in vielen Beziehungen ab. Für Hans Jellouschek keine Seltenheit. "Warum das Zusammenwohnen sich oft so kompliziert gestaltet, liegt unter anderem daran, dass wir, sobald wir uns eine Wohnung teilen, innere Rollenbilder aktivieren, die wir von zu Hause kennen", erklärt der Paartherapeut. Das heißt, Frauen werden sich mit ihren Müttern identifizieren und von ihrem Mann unbewusst auch die Reaktionen ihres Vaters erwarten und umgekehrt. So sind die klassischen Rollenverteilungen durchaus nicht ad acta gelegt. Eine Frau wird meist das Gefühl haben, den Haushalt schmeißen zu müssen, auch wenn ihr eigentlich gar nicht danach ist und sie sich vorher hauptsächlich auf ihren Beruf konzentriert hat. Der Mann wird die Rolle des Ernährers spielen und sich um das Geld verdienen kümmern. Für beide muß diese Aufgabenverteilung nicht zwangsläufig zufriedenstellend sein.

Ein noch größeres Konfliktpotential liegt aber darin, die Balance zwischen dem Bedürfnis nach Individualität und dem Bedürfnis nach Zusammensein zu halten. "Viele Paare latschen permanent über die Grenzen des anderen", beschreibt Hans Jellouschek die Mechanismen, die auf Dauer jede Beziehung kaputt machen. Das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz auszuloten sei eine der schwierigsten Übungen. Das fängt schon bei der Badezimmertüre an. Schließe ich sie ab, oder lasse ich sie offen.

Manche Menschen sind mehr Ich-, andere mehr Wir-bezogen. Doch lebt die Leidenschaft vor allem von Distanz und dem Raum, den man sich gegenseitig zugesteht. Wenn sie zerstört ist, ist auch die Paarbeziehung zum Scheitern verurteilt. Jellouschek spricht das aus, was wir insgeheim schon immer vermutet haben. Die Erotik ist letztendlich der Klebstoff einer glücklichen Liebe. Ansonsten könnten wir alle auch gute Freunde sein. Und da erotische Spannung auf der einen Seite und Alltag und Sicherheit auf der anderen Seite sich nicht unbedingt gut vertragen, ist jede Liebesbeziehung immer wieder eine Herausforderung. In seinem Buch "Wie Partnerschaft gelingt - Spielregeln der Liebe" beschreibt Jellouschek die kleinen Tricks und Tipps, die jede Beziehung am Leben erhalten. Manche wurden schon oft beschrieben: Etwa die kleine Aufmerksamkeit zwischendurch, das liebe Wort zur richtigen Zeit oder das offene Ohr für die Bedürfnisse und Gefühle des Anderen.

Er spricht aber auch von "ausgeglichenen Konten" als Voraussetzung zum Glücklichsein. Denn wer sich ständig "in den Roten fühlt", ist auf Dauer verletzt und wird sich über Kurz oder Lang verabschieden. Paare sollen lernen, miteinander zu verhandeln, um Verletzungen auszugleichen. Nach dem Motto "Ich nehme dieses Wochenende die Kinder und du kannst mit deinen Freunden einen Ausflug machen."

Den eigenen Freundeskreis und zum Teil den Lebenstil getrennt Lebender beizubehalten, ist für die Psychologin Sonja Haustein von der Ruhr-Universität Bochum die Voraussetzung für eine zufriedene Partnerschaft. Bereits in ihrer Diplomarbeit befasste sie sich mit dem Thema Zusammenleben. Sie befragte 125 Männer und Frauen, die in einer Partnerschaft zum Teil in einer gemeinsamen Wohnung, zum Teil in zwei getrennten Wohnungen leben. Trotz dieser Unterschiede war die Zufriedenheit mit der Partnerschaft bei beiden Gruppen gleich.

Ein wichtiges Ergebnis ihrer Umfrage: Wenn man zusammen wohnt, verbringt man zwar mehr Zeit miteinander, aber diese hauptsächlich in Alltagssituationen und deshalb weniger intensiv, was sich negativ auf die Leidenschaft auswirkt. Kinder sind in dieser Hinsicht besondere "Liebestöter". Denn sie erfordern Zeit und eine gemeinsame Organisation des Alltags - für leidenschaftliche Gefühle ist kein Raum. Sonja Hausteins Tipp: Zusammenwohnende sollten getrennte Schlafzimmer, auf jeden Fall aber getrennte Zimmer einrichten, sich - auch mit dem Partner - konkret verabreden und nicht aufeinander kleben. Denn nur wer etwas erlebt, hat auch was zu erzählen und bleibt für den Anderen spannend.

Auch getrennt Lebende lernen die Macken des Anderen mit der Zeit kennen. "Doch der Gewohnheitseffekt braucht länger, um sich zerstörerisch auszuwirken", weiß Jellouschek. Er rät Paaren, in ihrer Partnerschaft immer wieder für Highlights zu sorgen - ein stimmungsvolles Essen, eine schöne Reise oder auch ein offener Brief - damit die Routine nicht an der Basis nagt und sich die Liebe schließlich in Luft auflöst. Feiertage sollten entspannt angegangen und nicht mit Ritualen aus der eigenen Familie überfrachtet werden. Die Erwartung an bestimmte Geschenke sollte man sich besser verkneifen.

Jellouschek plädiert aber auch für eine neue Körperlichkeit. Er meint damit Berührungen außerhalb der Partnerschaft (keinen Sex), um die Paare "von ihrem überzogenen Totalanspruch zu heilen". Denn dadurch, dass jeglicher Körperkontakt außerhalb der Ehe tabuisiert ist, konzentriert sich das gesamte Bedürfnis nach Nähe auf den Partner. Eine Erwartung, die nur schwer zu erfüllen ist. Doch übersteigerte Erwartungen in Verbindung mit Alltagsroutine sind genau die Zutaten, die das Verfallsdatum der Liebe entscheidend herabsetzen.

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