Welt : Unter Hochdruck

BP und US-Behörden versuchen fieberhaft, eine Ölkatastrophe im Golf von Mexiko abzuwenden

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Die brennende Ölbohrinsel vergangene Woche vor ihrem Untergang. Foto: dpa
Die brennende Ölbohrinsel vergangene Woche vor ihrem Untergang. Foto: dpaFoto: dpa

Die US-Küstenwache und der Ölkonzern BP haben eine der größten Katastrophenschutzoperationen in der Geschichte der Ölförderung eingeleitet. Sie soll die Südküste der USA im Golf von Mexiko vor einer Ölpest bewahren, nachdem die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ am Dienstag vor einer Woche explodiert und am Donnerstag gesunken war. Der Ort der Katastrophe liegt etwa 70 Kilometer südlich der Küste. Seither fließen täglich rund 42 000 Gallonen (159 000 Liter) Rohöl ins Meer, inzwischen allerdings nicht mehr nahe der Oberfläche, sondern am Meeresboden in etwa 1,6 Kilometer Tiefe. Von dort steigt es in der Form einer riesigen Eiskremtüte, die sich nach oben kreisförmig erweitert, auf.

Das stellt die Katastrophenschützer vor technische Herausforderungen. Ein Teil der geplanten Rettungsmaßnahmen ist bisher nur in flachem Wasser erprobt worden. Eine Flotte von 15 Ölabsaugeschiffen und vier Tiefseerobotern, die an Mini-U-Boote erinnern, ist im Einsatz.

Der Ölteppich bedeckt inzwischen eine Fläche von 1500 Quadratkilometern und kann bei ungünstigen Wetterverhältnissen in einigen Tagen die Küste von Louisiana sowie der angrenzenden Bundesstaaten Mississippi und Alabama erreichen. Dort würde er das Ökosystem des Mississippideltas sowie die Austern-, Krabben und Fischindustrie bedrohen. Die Gefahr für den Fischbestand im Golf von Mexiko ist noch nicht abzusehen. Experten prognostizieren mit Blick auf die Wetterlage, es sei wahrscheinlicher, dass der Ölteppich zunächst in 50 Kilometer Abstand zur Küste bleibe.

Medien in den USA vergleichen die Bedrohung mit der Umweltkatastrophe in Alaska 1989, nachdem der Öltanker „Exxon Valdez“ im Prinz-William-Sund auf ein Riff gelaufen war. Sie heben neben den Parallelen auch die Unterschiede hervor. Die Ölpest in Alaska war die bisher schlimmste in der Geschichte der USA. Elf Millionen Gallonen Rohöl liefen aus dem havarierten Tanker aus und verseuchten Tier- und Pflanzenwelt auf einer Küstenlänge von annähernd 2000 Kilometer. Weil das Unglück in unmittelbarer Landnähe geschah, bestand weder zeitlich noch technisch die Möglichkeit, den Ölteppich einzudämmen, bevor er die Küste verseuchte. Das ist im Fall der Hochsee-Bohrinsel anders. Die „New York Times“ rechnet vor, es würde 262 Tage dauern, bis im Golf von Mexiko die selbe Menge Rohöl ausgetreten sei wie bei der Havarie der „Exxon Valdez“.

Mit dreierlei Maßnahmen wollen die Küstenwache und der BP-Konzern die Bedrohung eindämmen. Erstens versuchen sie das Bohrloch zu verschließen. Eigentlich gibt es ein 450 Tonnen schweres Notfallventil am Meeresboden, das dies im Fall einer unerwarteten Druckerhöhung oder eines Unglücksfalls automatisch tun soll. Es arbeitet offenbar nicht verlässlich. Bei richtiger Funktion hätte es die Aufgabe gehabt, die plötzliche Druckwelle zu verhindern, die nach jetziger Kenntnis die Explosion am Dienstag vor einer Woche ausgelöst hatte. Andererseits scheint es nicht wirkungslos zu sein. Die 159 000 Liter, die derzeit aus zwei Lecks austreten, entsprechen nur einem Sechstel der täglichen Fördermenge der Bohrinsel vor der Katastrophe. Die beiden Lecks befinden sich an dem 1,7 Kilometer langen „Rüssel“: einem Rohr, das Öl und Gas von der Bohrstelle zur Bohrinsel hinauf geleitet hatte. Als die Bohrinsel unterging, sank auch der Rüssel. Er liegt nun wie ein sich windender Gartenschlauch tief im Golf. Ferngesteuerte Tiefseeroboter sollen das Notfallventil komplett schließen.

Für den Fall, dass dies nicht gelingt, will BP, zweitens, „Entlastungsbohrungen“ beginnen, die den Druck aus der Förderstelle nehmen. Diese Operation würde jedoch zwei bis drei Monate in Anspruch nehmen. Um das weiter austretende Öl in dieser Zeit aufzufangen, will BP eine „Kuppel“ über dem alten Bohrloch installieren und es von dort mit einer Röhre an die Oberfläche leiten, wo es vom Wasser getrennt wird. Diese Technik ist bisher nur in flacherem Wasser erprobt worden.

Drittens, bemühen sich die Küstenwache und der Ölkonzern den Ölteppich durch Barrieren einzudämmen, von der Küste fernzuhalten und abzubauen. Zum Teil wird das Rohöl von Spezialschiffen von der Oberfläche abgesaugt, zum Teil mit Chemikalien aufgebrochen. Stürmisches Wetter hatte diese Operation zunächst behindert. Bis Sonntag hatte die Küstenwache 48 000 Gallonen Wasser- Ölgemisch verarbeitet.

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