Welt : Untragbare Mode

Wer kann schon Größe 32 tragen? Die Designerin Anna von Griesheim sagt: Frauen mit Busen und Po nicht

Elisabeth Binder

Über 900 Jahre lang war es in China üblich, kleinen Mädchen die Füße zu brechen und sie so zu verschnüren, dass sie winzig blieben. Verkrüppelte Füße waren noch bis Anfang des 20sten Jahrhunderts ein absolutes Schönheitsideal. Aus heutiger Sicht scheint das barbarisch zu sein. Vielleicht schlägt ja bald auch die letzte Stunde des Schönheitsideals „Hungerharke“, dem die westliche Welt seit Jahren mit magersüchtigen Models huldigt. Erstmals wurden diejenigen, die offensichtlich zu dünn sind, wie berichtet, von den Laufstegen großer Schauen verbannt. Für viele kleine Mädchen sind solche Models gefährliche Ideale, die sie gleich in mehrfacher Hinsicht in die Irre führen. Aber auch erwachsene Frauen lassen sich infizieren.

In Teilen der internationalen Society gibt es eine Art heimlichen Wettbewerb. Mit Größe 34 zählt man da schon längst nicht mehr zu den Gewinnerinnen. Als besser gilt die Kindergröße 32. Als wollten sie ihren Reichtum mit dem Statement unterstreichen, dass keine Polster braucht, wer aufgrund seiner Geldfülle nie mehr in die Situation kommen kann, an Mangel zu leiden.

Muss wirklich leiden, wer schön sein will? Das Prinzip scheint sich in unterschiedlichen Epochen in immer neuen Perversionen durchzusetzen. Die Schrumpfmägen der Models und ihrer Epigonen sind kaum weniger grausam als die verkrüppelten Füße der Chinesinnen. Dabei hat das, was auf den Catwalks bei großen internationalen Designer-Schauen zu sehen ist, mit dem wirklichen Leben sowieso kaum was zu tun. Haute Couture im Alltag tragen? Claudia Schiffer findet offensichtlich schon die Frage überraschend naiv. „Allenfalls zu einem Ball“, sagt sie und blickt an der schneewittchenweißen Robe herab, mit der sie zum Berliner Dreamball erschienen ist. Alltagstauglich sind die in aufwendiger Handarbeit gefertigten Einzelstücke in der Regel nicht. „Haute Couture ist nur, um zu zeigen, was man draufhat“, sagt auch Model-Kollegin Franziska Knuppe. Wichtig seien vor allem die Impulse, die davon ausgehen. Die Kleider, die auf hohen Laufstegen zu sehen sind, bekommen später allenfalls superreiche Frauen auf den Leib geschneidert, deren Hauptberuf es ist, Kleidung zu tragen.

Mit der Haute Couture inszenieren sich die Marken, da kommt es mehr auf Theatralik als auf Tragbarkeit an, da ist mehr Kunst als Konsumentenfreundlichkeit gefragt, da werden Tabus durchbrochen, Trends gesetzt. Was wirklich nicht stattfindet: die Abbildung praktischer Wirklichkeit.

Die normale Model-Größe sei 34/36, sagt Designerin Anna von Griesheim, die den Anblick dürrer Models in Größe 32 nur schockierend findet. In der Modeindustrie sind viele homosexuelle Männer tätig, die einem androgynen Schönheitsideal huldigen. Daher komme der Trend. „Wenn ein homosexueller Mann ein Kleid entwirft, denkt er gar nicht daran, dass darunter auch noch ein BH Platz haben muss.“ Die Magermode sei insofern ein schwules Phänomen.

Die Haute Couture wird immer ergänzt durch die „Pret-à-porter“-Kollektionen für die Mehrheit von Frauen, deren Sorge nicht darin besteht, einen möglichst tief eingesunkenen Bauchnabel, möglichst dramatisch zu inszenieren, sondern einen Bauchansatz durch gute Schnitte geschickt zu kaschieren. „Pret à porter“ heißt fertig zum Tragen. Was sich auf den Laufstegen abspielt, ist dagegen eine Traumwelt.

Die Gefahr liegt eigentlich darin, unerreichbare und auch unsinnige Ziele zu propagieren. Viele Mädchen, die den Models nacheifern, machen sich gar nicht klar, wie viele Stunden Styling dem großen Auftritt vorausgehen, wie viele hoch bezahlte Visagisten an einem Gesicht hart arbeiten, bevor das Model mit einem Designerfetzen über den Catwalk schweben darf.

Normale Mädchen und Frauen haben gar keine Zeit, sich lange zu stylen. Zehn Minuten fürs Make-up und dann hineinschlüpfen in Jeans und Jackett, Kostüm oder Hosenanzug, irgendetwas, das angezogen und nicht zu verrückt aussieht. Etwas, das im Stress des Tages nicht zwickt und nicht dauernd zurechtgerückt werden muss, gerne unempfindlich sein darf gegenüber Straßenstaub und kleinen Flecken. Haute Couture muss sich um nichts scheren, schon gar nicht um die Anforderungen eines bürgerlichen Schul- oder Arbeitsalltags. Sie darf einfach nur Kunst sein.

Wobei Kunst, die Lust auf Konsum machen soll, gern auch an positiven Idealen orientiert sein darf. Je weiter die Schere zwischen Übergewicht bei den Armen und Untergewicht bei den Reichen auseinanderklafft, desto wichtiger erscheint die Renaissance der Natürlichkeit als Schönheit definierendes Ideal.

Entspannte Mode heißt für normale Frauen, dass sie neue Farben ausprobieren, statt enger lieber weite Röcke tragen, dass sie sich von Vintage-Teilen trennen und stattdessen mal wieder ein elegantes Kleid anziehen. Luxus bedeutet, dass man viel Geld für ein schlichtes Designer-Kostüm ausgeben kann, das aus einer Figur mit menschlichen Schwächen das Optimum herausholt.

Wer Lust an Mode hat, wird auf eine gewisse Disziplin nicht verzichten können, was aber kein Grund ist, in Masochismus zu verfallen. Das Idealgewicht einer Frau liegt eh bei Größe 38/40. Da trifft es sich gut, dass Männer im wirklichen Leben keine Hungerkünstlerinnen anhimmeln, sondern eher patente Frauen mögen, die eine in jeder Hinsicht weiche Landung versprechen. Anna von Griesheim, die viele Prominente anzieht, formuliert das so: „Männer, die Frauen lieben, mögen eben auch Taille, Busen und Po.“

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