Welt : Unwetter: Dem Himmel ausgeliefert

Mit blutüberströmtem Gesicht kauert ein Zehnjähriger auf einer Trage und versucht, sein Schluchzen zu unterdrücken. Ungläubig starrt er auf die Lichtung im gleißenden Scheinwerferlicht: Inmitten von Ästen und den Überresten eines Zeltdachs liegt der gewaltige Stamm einer Platane. Feuerwehrleute versuchen mit Hilfe von Äxten und Sägen, weitere Opfer aus dem Gewirr aus Ästen und Zweigen zu bergen. Rund 120 Besucher kamen am Freitagabend zum Konzert der Yiddishe Mamas et Papas in den Park des Schlosses Pourtals am Rande Straßburgs - die Hälfte von ihnen wurde unter dem mächtigen Baum begraben, den ein heftiger Gewittersturm entwurzelt hatte. Elf Menschen starben, als der Baum auf sie krachte, 85 wurden verletzt.

Die schweren Unwetter wüteten in weiten Teilen Deutschlands, Frankreichs und Belgiens. In Deutschland wurden ein Todesopfer gemeldet. Die Meteorologen kündigten für das Wochenende weitere schwere Unwetter an, die auch Ostdeutschland heimsuchen sollten.

Vor dem Unglück in Straßburg kündigte sich das Gewitter durch einen heftigen Sturm an, dessen Böen eine Geschwindigkeit von bis zu 110 km/h erreichten. Als auch noch ein Wolkenbruch niederging, flüchteten sich die meisten Besucher unter ein Zeltdach. "Wir hörten einen Ast knacken, einige sagten: Wir können hier nicht stehen bleiben, lasst uns lieber wieder rausgehen", berichtet einer, der heil davongekommen ist. "Dann stürzte der Baum um."

Die Präfektur von Straßburg reagiert schnell: "Plan rot" wird ausgerufen. 130 Feuerwehrleute eilen zur Unglücksstelle, Ärzte und Krankenschwestern errichten ein paar hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt eilig eine Notfallstation. Zuerst sieht es nicht so schlimm aus: 30 Verletzte habe es gegeben, meldet die Präfektur gegen 23.30 Uhr, rund zwei Stunden nach dem Unglück. Doch im Laufe der nächsten drei Stunden offenbart sich das Ausmaß.

Freitag haben die großen Ferien in Frankreich begonnen - zum Konzert der Yiddishe Mamas et Papas im Schlosspark waren auch viele Familien gekommen. "Wie ein Blitz" hat das Unglück zugeschlagen, sagt ein Besucher. Eine etwa 40-jährige Frau steht inmitten der stöhnenden Verletzten und weint hemmungslos. Jemand legt unbeholfen die Arme um sie und versucht sie zu trösten. Diese Tragödie hat niemand voraussehen können, sagt der Straßburger Präfekt Philippe Marland fassungslos.

Orkanartige Gewitterstürme haben in Südwestdeutschland eine Spur der Verwüstung hinterlassen und mindestens ein Todesopfer gefordert. In Mannheim wurde der 66-jährige Beifahrer eines Fahrzeugs von einem herabbrechenden Ast erschlagen, wie die Polizei mitteilte. Bei Kehl stürzte ein 62-jähriger Radfahrer über einen Ast auf der Fahrbahn und zog sich lebensgefährliche Kopfverletzungen zu. Nach Angaben des Stuttgarter Innenministeriums entstand in Baden-Württemberg ein hoher Schaden. Überall wurden Bäume entwurzelt, Dächer abgedeckt, Strommasten umgeknickt, Oberleitungen zerrissen und unzählige Häuser und Fahrzeuge beschädigt. Vielerorts waren Straßen und Bahnlinien nicht mehr passierbar.

Heftige lokale Gewitter wie in Straßburg können nach Darstellung des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach nicht genau vorhergesagt werden. "Da kann der Computer so groß sein wie das Empire State Building, man kann es nicht punktuell vorhersagen", sagte Meteorologe Jens Hoffmann.

Lokale Gewitter kaum vorhersagbar

Die "Heftigkeit und kurzfristige Ruppigkeit", mit der das Gewitter die Platane in der Europastadt umgeworfen habe, lasse sich nicht exakt vorherbestimmen. "Wo es letztlich passiert, kann man nie genau sagen." Das Potenzial des Unwetters und das betroffene Areal könnten jedoch durchaus ausgemacht werden. So habe der französische Wetterdienst den ganzen Freitag vor schweren Gewittern in Ostfrankreich gewarnt, betonte Hoffmann. Die Gewitterzelle vom Freitagabend war extrem groß. Sie habe sich gegen 20 Uhr über 300 bis 400 Kilometer erstreckt - vom Jura in der Schweiz bis nach Lothringen. Von einer Gewitterzelle sprechen die Meteorologen, wenn vom Satelliten aus ein Wolkenschirm zu sehen ist, hinter dem sich mehrere Gewitter verbergen.

Notwendige - aber nicht hinreichende - Voraussetzungen eines Starkgewitters, das sich aus dem Wolkenschirm entlädt, seien feuchte Luft, extreme Temperaturunterschiede und unterschiedliche Windrichtungen. Als stark stufen die Meteorologen ein Gewitter ein, das von häufigen Blitzentladungen, sintflutartigem Regen, Hagel und orkanartigen Stürmen begleitet wird. Ein Hinweis auf ein Starkgewitter sei beispielsweise ein Temperaturunterschied von mehr als 25 Grad zwischen 1500 Metern und 5,5 Kilometern Höhe. Dies sei am Freitag in Lothringen der Fall gewesen. Dazu kam ein großer regionaler Temperaturunterschied. So wurden in St. Etienne um 17 Uhr etwa 30 Grad und im rund 100 Kilometer nordwestlich gelegenen Vichy nur etwa 19 Grad gemessen. Zudem sei die Luft feuchter gewesen als in Deutschland.

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