Welt : Unwetter in Südostasien: Schwerste Überschwemmungen seit Jahrzehnten

Michael Streck

Weite Teile Südostasiens stehen unter Wasser. Bei den schweren Überschwemmungen entlang des Mekong-Flusses in Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam sind nach einer ersten Bilanz über 170 Menschen ums Leben gekommen. Von der Katastrophe im Zentrum eines der wichtigsten südostasiatischen Reisanbaugebiete sind Schätzungen zufolge insgesamt mehr als vier Millionen Menschen betroffen. Währenddessen sind für die nächsten Tage auch in Bangladesch und Ostindien nach sintflutartigen Monsun-Regenfällen schwere Überschwemmungen zu befürchten.

Viele der überfluteten Gebiete sind von der Außenwelt völlig abgeschnitten, sagte der Südostasien-Chef der Internationalen Föderation des Roten Kreuzes und Roten Halbmondes, Peter Walker. Im vietnamesischen Mekong-Delta wurde nach Regierungsangaben der Notstand ausgerufen. Eine halbe Million Menschen campiert dort in Folge der schwersten Überschwemmungen seit 40 Jahren auf den Deichen. Etwa 100 000 Menschen konnten bislang in Sicherheit gebracht werden. Immer noch besteht die Gefahr, dass viele Schutzdämme brechen. Es wird erwartet, dass der Mekong noch weiter ansteigt.

In Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, türmen Helfer weiter Sandsäcke entlang der Ufer des Mekong auf. Die Stadt blieb dank umfangreicher Schutzmaßnahmen bislang überwiegend trocken. Die Wasserstände haben Rekordhöhen erreicht und drohen die Dämme zu überfluten. Der Rest des Landes sei schon größtenteils überschwemmt. Rund 200 000 Menschen seien obdachlos geworden. Die Schäden durch Ernteausfälle und andere Zerstörungen gehen in die Millionen. Für das Land bedeuteten die Überschwemmungen einen herben Rückschlag beim wirtschaftlichen Wiederaufbau. Zerrüttet nach drei Jahrzehnten Bürgerkrieg, versucht Kambodscha seit 1998 die Infrastruktur zu erneuern und die anhaltende Armut zu bekämpfen. Umweltschützer machen die starke Entwaldung vor allem von Bergregionen für die Fluten mit verantwortlich. Noch vor wenigen Jahren waren 70 Prozent der Landfläche von Wald bedeckt. Die Hälfte davon sei mittlerweile durch massiven Raubbau zerstört, der von der korrupten Regierung geduldet werde.

Im benachbarten Vietnam mussten Hunderttausende ihre Häuser und Hütten verlassen. In der südlichen Provinz Dong Thap seien 90 Prozent der Flächen überschwemmt, berichtet der Katastrophenstab. Rund eine Viertelmillion Gebäude stünden hier unter Wasser. Zwar ließ der Monsun-Regen leicht nach, doch warnten die Helfer vor zu großem Optimismus. Der geringere Niederschlag müsse nicht zwangsläufig zu einem raschen Rückgang des Hochwassers flussabwärts führen. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass der betroffenen Bevölkerung das Schlimmste ohnehin noch bevorsteht: Das Hochwasser hätte vor der Haupternte eingesetzt und schätzungsweise zwei Millionen Hektar Land überflutet. Dadurch seien etwa 220 000 Hektar Reisfelder für dieses Jahr zerstört. Auch wenn größere Mengen an Reis bereits geerntet seien, habe das Wasser möglicherweise einen erheblichen Teil der eingelagerten Ernte vernichtet.

Überschwemmungen sind ein im jährlichen Zyklus wiederkehrendes normales Ereignis in den Anrainerstaaten des Mekong, der mit über 4000 Kilometern einer der längsten Ströme Asiens ist. Die Wasserführung schwankt im Jahresverlauf enorm - zwischen Höchst- und Tiefstand können bis zu 15 Metern liegen - und erreicht in der gegenwärtigen Monsunzeit ihre Maximalstand. Das ständige Überfluten des Tieflandes und das Ablagern angeschwemmter Erde ist die Voraussetzung dafür, dass der Boden dieser Region so fruchtbar ist und zwei bis drei Ernten im Jahr erlaubt. Das Mekong-Delta ist daher eine der "Reiskammern" Südostasiens. Experten warnen jedoch seit langem, dass die Tiefebenen und Küstenregionen von Bangladesch bis Vietnam in Zukunft öfter von Flutkatastrophen betroffen sein werden. Die Zunahme von Stürmen und starken Regenfällen durch mögliche Klimaveränderungen sowie die fortschreitende Entwaldung erhöhten die Gefahr schwerer Überschwemmungen.

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