Welt : Unwetterkatastrophe in Kalibrien: Eine Flut von Schlamm und Fragen

Werner Raith

Die Staatsstraße 106 "Ionica" ist so etwas wie der touristische "Schnupperpfad" des östlichen Kalabrien: Über die alten Griechenkolonien Metapont und Sibari führt sie vorbei an der Meerburg von Le Castella und den Tempelresten von Capo Colonna, dann geht es hinab ganz in den Süden zur "Yasmin-Küste", wo es im Frühjahr so benebelnd duftet. Immer wieder überquert die Straße ausgetrocknete Flüsse, und nicht selten sieht man dort, inmitten der grellweißen Steinlandschaften, Spielplätze, Wohnwagen oder auch schon mal kleine Bungalows. Wie hier, nahe Soverato, gut zwei Dutzend Kilometer südlich von Catanzaro, wo die SS 106 den Bel-Trame-Bach überquert.

Trägt die Bevölkerung eine Mitschuld?

Von dem Idyll ist nichts mehr geblieben ist. Das Bett des Flüsschens gleicht einem Schlachtfeld, der nahe Parkplatz einer Schrotthalde mit Dutzenden übereinander geworfener Autos. Aufrecht stehen geblieben ist nur ein Schild: "Camping le Giare". Darum herum zerstörte Wohnwagen, Fetzen von Zelten, abgebrochene Bäume, Rollstühle. Die Brücke dient nun als eine Art Kommandozentrale für die Hilfskräfte.

Der Hilferuf kam gegen acht Uhr - wie sich herausstellt, erreichte das "Mayday" einiger Amateurfunker uns früher als die Zentrale des Zivilschutzes im Rom. Gut fünf Stunden später sind wir bereits bis über den Hals verdreckt vom Buddeln und Wegräumen der Äste und Wagenteile, vom Hochhieven der Wohnwagen und Errichten wenigstens notdürftiger Dämme. Nur wenige am Ort sind zu dieser Zeit schon imstande, zusammenhängend zu berichten. Schon in der Nacht hatten zwar einige das Plätschern immer größerer Wassermassen vernommen. Aber da es seit zwei Tagen ohne Unterlass geregnet hatte, nahmen sie das Geräusch als eher normal hin. Nur eine Handvoll der 50 Bewohner des Campingplatzes - ein Drittel davon Körperbehinderte am letzten Tag ihres Ferienaufenthaltes - war nervös geworden; aber die Campingplatz-Leitung hatte beruhigt: "Morgen scheint die Sonne wieder, dann ist alles vorbei." Erst als gegen halb fünf Uhr ein mächtiges Brausen ertönte - "wie ein tieffliegendes Propellerflugzeug", erinnert sich ein Mann -, erkannte man die Gefahr; und da war es auch schon zu spät. Wie eine Sturmflut war ein hoher Wasserschwall das Flußbett herab gedonnert und hatte alles aus den Fugen gerissen, was ihm in den Weg kam.

Nachdem neun Tote geborgen sind und noch zwei Dutzend Personen vermisst werde, melden sich gegen zwei Uhr kurz hintereinander sechs Vermisste. Die Hoffnung steigt, auch die Restlichen könnten sich gerettet haben - wie ein halbwüchsiges Mädchen, das mit dem Strom gut einen halben Kilometer fortgerissen und ins Meer hinausgeschwemmt worden war und das sich hatte ans Land retten können.

Doch wenig später ist die Stimmung wieder auf dem Tiefpunkt: an einer der aufgestauten Bauminseln hat ein Feuerwehrmann eine Hand aus dem Schlamm ragen sehen; Frauen und Kinder schreien, Männer stehen fassungslos auf der Brücke, einige der Helfer müssen sich übergeben, als sich die Hand, gleichsam winkend, etwas bewegt. Ein Arzt eilt mit einem Sauerstoffgerät hinzu - hilflose Aktionen, die Frau muss bereits seit Stunden tot sein, im Schlamm gibt es keine fünf Minuten Überleben. Wenig später ein zweiter Fund, unter der abgerissenen Planke eines Wohnwagens. Und noch immer fehlen etwa zehn Freunde der Feriengruppe. Am Montagabend wird die vorläufige Zahl der Toten bekannt gegeben. Zwölf Menschen starben bei der Katastrophe.

Wir, die teilweise von weitem Hinzugeeilten, kennen einander seit Jahren - der Anlass unseres Wiedersehens ist nahezu immer von derselben Art: Seit den großen Erdbeben und den Bergrutschen der 70er und 80er Jahre bieten viele Mitglieder kultureller oder umweltschützender Gruppen bei solchen Desastern spontan ihre Hilfe an, und oft, wie auch hier, sind sie eher und mit mehr Routine am Platz als die dafür zuständigen Retter der Behörden. Der Zivilschutz muss noch am frühen Nachmittag auf ausreichende Räumgeräte warten, die örtliche Feuerwehr hat zu kurze Leitern, Polizei und Carabinieri sind ausschließlich mit dem Absperren und Räumen anderer gefährdeter Bezirke beschäftigt, während es die freiwilligen Helfer sind, die hier unten mit den Händen graben in der Hoffnung, noch jemanden retten zu können.

Und immer wieder die Frage: wieso nur, wie konnte es wieder einmal dazu kommen? Das letzte Desaster, das viele von uns Freiwilligen zusammengeführt hat, liegt nur wenig mehr als zwei Jahre zurück, im Hinterland von Neapel: Da war ein ganzer Berg abgerutscht - wie sich herausstellte, weil illegales Bauen, schwarz angelegte Kiesgruben und Abholzen ganzer Wälder die gesamte Halte-Struktur der Hänge zerstört hatte. Auch hier, in Soverato, keimt schon wieder der Verdacht, dass illegale Eingriffe am Ursprung dieses grauenhaften Unglücks stehen: mehrere der Autos, die nun im Wasser herumschaukeln, sind eindeutig längst ausgeschlachtete Wracks, teilweise schwer verrostet - wie sind sie hierher gelangt? Im oberen Teil des Bachbettes, so erzählen einige, liege eine illegale Mülldeponie - hat sie eine Art Staubecken gebildet, das dann nach den ungewöhnlich starken Regenfällen einfach gebrochen ist wie ein lecker Damm? Hat die Bevölkerung ihren Müll dorthin gekippt? Am Spätnachmittag trifft Staatsekretär Franco Barberi ein, zuständig für den Zivil- und Katastrophenschutz.

Lokale Behörden versagen

Dieser Campingplatz, tönt er, hätte niemals hier angelegt werden dürfen - tatsächlich war er zwar in den 70er Jahren ohne Genehmigung gebaut, dann jedoch anlässlich eines der unzähligen "Amnestien" nachträglich genehmigt worden. Barberi setzt nach: "Seit 1998 haben wir ein Gesetz, wonach alle Regionen eine vollständige Karte gefährdeter Gebiete erstellen müssen. Kalabrien hat dies bisher nicht getan." Wohl gesprochen, bäumt sich der Bürgermeister von Soverato auf: "Nur, wer hat denn die Mittel, die Beachtung eines solchen Gesetzes durchzusetzen? Doch nicht ich als Chef einer Zehntausend-Seelen-Gemeinde." Auch das stimmt. Allerdings: als Bürgermeister hat er durchaus die Macht, illegale Mülldeponien und auch gefährdete Siedlungsplätze zu schließen. "Was glauben Sie, was die Leute hier sagen, wenn ich das tue?" zieht er sich am Ende ins Schneckenhaus zurück.

Experten verbreiteten am Montag eine neue Hiobsbotschaft: Über 3600 Kommunen in Italien seien von Überschwemmungen und Schlammlawinen bedroht. Umweltschutzgruppen weisen seit Jahren auf die Probleme hin, passieren tut nichts.

Gegen Morgen machen sich die meisten von uns wieder auf den Heimweg, inzwischen sind ja die professionellen Helfer in großer Anzahl angerückt. Das "Arrivederci", das wir einander zurufen, hat einen bitteren Beigeschmack. Das nächste Mal werden wir uns unter ähnlichen Umständen treffen.

Der Autor ist Italienkorrespondent des Tagesspiegel und Mitglied einer der freiwilligen Helfergruppen, die nach den Naturkatastrophen der 70er und 80er Jahre entstanden - wegen der Unfähigkeit der Behörden, durch schnelle Hilfe Leben zu retten.

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