Welt : Urlaub in Bitterfeld: Auf der Suche nach dem Schatz im Silbersee

Bernd Matthies

Es ist immer noch ziemlich schwer, die Autobahn ausgerechnet an dieser Stelle zu verlassen, dort, wo früher immer der Himmel giftig zwiebelgelb über den Schornsteinen leuchtete. Niemand wollte jemals hin, und die, die schon da waren, blieben im Bewusstsein des unabänderlichen Schicksals, dass ja irgendjemand Arbeiter sein musste im Arbeiter- und Bauernstaat. Bitterfeld-Wolfen: Das war eine Art deutsches Tschernobyl, nur eben mit Silbernitrat statt Uran.

Urlaub im Chemiedreieck? Die Kollegen blicken mitleidig. Vielleicht was für Industrie-Freaks? Naturverächter? Bitte: dann richtig. Gleich rechts an der Straße, die Wolfen mit Bitterfeld verbindet, liegt der Silbersee. So hieß er zwar nie, nicht offiziell, und statt eines Schatzes barg er die chemischen Altlasten der Firma Orwo, die einst die halbe Welt mit Filmen versorgt hat und die ganze Region mit ihren Abfällen. In sämtlichen Berichten der ersten Jahre nach der Wende galten die Bilder der giftig glänzenden Oberfläche als Symbol für den Umgang der DDR mit der Umwelt - doch das ist lange her. Die Badehose muss dennoch im Koffer bleiben, denn das Areal ist von einem hohen Zaun umgeben, Schilder verbieten den Zutritt: Mülldeponie. Drei verbogene Metalltreppchen erheben den Zaungast immerhin so weit, dass er einen Blick hinüber werfen kann; dort dümpelt ein grüngraues Gewässer ohne jegliche chemische Leuchtkraft, dafür mit lebendigen Vögeln. Ganz idyllisch, soweit, und die Informationstafeln am Zaun vermitteln mit viel Fachchinesisch den Eindruck, dass eventuelle Altlasten bei den Behörden bestens aufgehoben sind. Die See-Nachbarn in ihren hübschen, überwiegend neuen Einfamilienhäusern blicken dem Eindringling dennoch skeptisch hinterher. Eine komische Wohngegend ist das hier, nicht wahr? "Ach, das ist doch ein ganz normaler See, ein bisschen dreckiger vielleicht."

Wahrzeichen Aspirin

Der eigentliche Chemie-Schock steht dem Besucher noch bevor. Hinter dem Bitterfelder Ortseingangsschild bewölkt sich der Himmel der Stadt mit Rohren in allen Durchmessern, geradeaus bis zum Horizont, rechtwinklig abknickend oder schräg nach oben, manchmal unter der Straße, manchmal neben ihr. Die Luft ist dennoch klar, riecht nicht viel anders als in Recklinghausen oder Rottach-Egern, und auch ein schönes Wort für die Hinterlassenschaften des Chemiekombinats ist längst gefunden: Das Areal, das gut die Hälfte der Stadtfläche einnimmt, trägt den Namen "Chemiepark Bitterfeld-Wolfen". Die Straßen heißen, weniger beschönigend, Aluminium-, Chlor- und Grafitstraße, die Zörbiger Straße teilt sich am "Säuredreieck", und das neue Wahrzeichen ist die gigantische Aspirin-Reklame am Bayer-Werk, dem Vorzeigebetrieb der Region. Der Urlauber weiß zu schätzen, dass er kopfschmerztechnisch an der Quelle sitzt, falls doch etwas schief gehen sollte.

Mitten drin im Rohrgeschlängel steckt das Hotel Ambassador, das sich mit dem Rotarier-Logo an der Tür ohne Umschweife als erstes Haus am Platze zu erkennen gibt. Vor dem renovierten, kastenförmigen Altbau mit dem glamourösen Eingangsbauwerk hängen vier einst weiße Flaggen schlaff herunter, daneben steht ein runder Pavillon, der den hier einigermaßen exotischen Namen "Schweizer Stuben" trägt - ein Restaurant. Auf der Karte keine Spuren mehr von Soljanka und Steak au four, stattdessen hat der Küchenchef die Bitterfelder Schnitzelwoche verhängt; Skeptiker kriegen aber auch "Entenbruststreifen im Sesamkleid", Tilapia-Barsch vom Grill und Minestrone.

Weniger weltläufig gibt sich der Kulturpalast ein paar hundert Meter weiter, ein klassizistischer, wenn nicht stalinistischer Bau aus den 50er Jahren, mit politischer Absicht mitten ins Kombinat gemörtelt. Er ist weitgehend im Originalzustand erhalten, aber gerade fest verschlossen. Historischer Boden! Hier ließ Walter Ulbricht 1959 den "Bitterfelder Weg" verkünden, die Versöhnung von klassenbewusster Literatur und sehniger Arbeiterfaust unter dem Motto "Greif zur Feder, Kumpel!", die später auch in anderen Bereichen der DDR-Kunst grassierte. Mit dem Kulturpalast taten sich die Werktätigen indessen schwer, denn ihre Neigung, gleich nach Schichtende im Sperrsitz Erbauung zu erfahren, muss relativ gering gewesen sein. Heute ist der Palast der größte Veranstaltungsort der Stadt, für den 5. Dezember hat sich bereits Andy Borg mit einem fröhlichen Weihnachtsprogramm angekündigt. Auch einen so genannten Nachtflohmarkt hat es gerade gegeben, doch der war, wie sich bei näherem Hinsehen herausstellt, in Halle an der Saale - die 17 000 Bitterfelder allein tragen ein derartiges Projekt offenbar nicht.

Weiter in die Stadt, sehr hübsch eigentlich. Grün überwucherte Wasserläufe namens Strengbach, Lober und Leine umzingeln den alten Ortskern, im Stadtpark plätschern bescheidene Wasserspiele über badeblau gefliesten Becken, der Südfrüchtestand der Familie Schulze sieht noch aus wie auf Fotos von 1936, und im edlen Café Goldstein macht sich das Bürgertum der Stadt über hohe Torten her. Schräg gegenüber, im hübsch restaurierten Hotel Central, finden wir das mexikanische Restaurant "El Rancho"; die Direktion beeilt sich allerdings, per Anschlag mitzuteilen, dass man auch herkömmlich koche und außerdem Bankette aller Art ausrichte.

Die Stimmung des Urlaubers in der Bitterfelder Innenstadt hängt entscheidend davon ab, ob er seinen Blick auf die ansehnlichen Bauten zu fokussieren versteht oder eher am Verfallenen hängen bleibt. Am adrett restaurierten Rathaus aus dem 19. Jahrhundert mit der angrenzenden Fachwerk-Stadtapotheke oder am zerbröselnden Beton des Kulturzentrums, hinter dessen zerstörten Fenstern noch echt scheußliche VEB-Beleuchtungskörper baumeln. Bunte Barockhäuser wechseln sich in der Fußgängerzone ab mit verkrauteten Baulücken, in denen der Peking-Imbiss und seine europäischen Vettern Platz genommen haben, und der Gast beginnt zu ahnen, dass dies kein Ziel für gehobene Shopping-Freuden ist: Das Schuhhaus Stiller ist dicht, im ehemaligen Stadtcafé hat sich ein Ramschladen eingerichtet, die blinden Fenster des einstigen "Kaufparadieses" künden von den vergeblichen Anstrengungen einer "Cooperazione Associati", und so darf die Pizzeria, die man im architektonischen Überschwang der neuen Gründerzeit gleich hinten ans Rathaus gepappt hat, schon als Gipfel der Bitterfelder Alltagskultur gelten.

Drinnen ist es ziemlich leer am Mittag, aber Essen zählt hier um diese Zeit anscheinend zu den exotischen Gebräuchen. "Und die Stunden sind endlos wie nie", verkündet ein Sänger aus den Lautsprechern über den Wühltischen des kleinen Kaufhauses, "irgendwie hat es jeder satt und will raus" - ob damit die Bitterfelder Gastronomie gemeint ist? Der Cappuccino bei Goldstein ist übrigens sehr anständig, kein Grund, nur deshalb nach Italien zu fahren. Im Kreismuseum versuchen sie es mit Selbstironie: Die Ausstellung der Bestände heißt "Gesammeltes und Angesammeltes aus gut 109 Jahren und der Versuch einer Antwort auf die Frage, was das alles soll."

Was das alles soll, wird draußen am Stadtrand ein wenig deutlicher. Wir erklimmen zunächst den Bitterfelder Berg, der auf den Karten den Eindruck eines Aussichtspunktes erweckt. Droben gibt es stille, gut markierte Wanderwege, einen sogar, der ein Panorama verspricht. Doch seit seiner Einrichtung ist das Gestrüpp aus Birken und Robinien so sehr ins Kraut geschossen, dass der Blick auf die Stadt reine Theorie bleibt. Drunten am Fuß des Berges ist der Augenmensch besser aufgehoben, denn gleich hinter dem Sportplatz weitet sich das Gelände zur Goitzsche, dem riesigen Areal des Braunkohlentagebaus, das seit 1998 geflutet wird. Eine Wassererholungslandschaft soll entstehen, Hoffnung für eine ganze Region. Die Initialzündung, erfolgreich offenbar, kam von der Expo 2000, deren Korrespondenzstandort die Gegend war. Nun müssen die Bitterfelder allerdings selbst sehen, wie es weitergeht.

Große Zukunftspläne

Wahrzeichen der neuen Goitzsche ist der 27 Meter hohe korkenzieherförmige Pegelturm, der über eine Pontonbrücke mit dem Festland verbunden ist. Er hat im vergangenen Jahr zu schwimmen begonnen und hebt sich nun allmählich bis zum Jahr 2003 dem Endpegel entgegen, Aussichtspunkt in einer Landschaft mit rund 25 Quadratkilometern Wasserfläche. Wir stehen an einem lang gestreckten, schütter bewachsenen Ufer, dessen Pläne bereits das große Wort "Bitterfelder Esplanade" tragen - bislang vermittelt dort nur die riesige, völlig verfallene Villa des Papierfabrikanten Biermann einen fernen Hauch der möglicherweise wiederkehrenden Pracht. Ein paar Kilometer weiter, im Schloss Pouch mit seinem roten Wehrturm, finden wir eine kleine Ausstellung mit Modellen der werdenden Urlaubsregion, die den zweideutigen Namen "Land gewinnen" trägt. Falls versprengte Urlauber von hier allerdings flüchten, könnte das einfach daran liegen, dass die geeigneten Quartiere fehlen. Die nette "Schiffmühle" in Pouch ist die einzige Pension, die anspruchsvollere Touristen locken könnte - allerdings wird es noch einige Jahre der Flutung brauchen, bis hier tatsächlich Schiffe auftauchen.

Und auch sonst fehlen die typischen Accessoires einer Ferienlandschaft. Kein Freizeitbad, kein Minigolf, nur der alte Mulde-Stausee als freundliches Segelrevier; weit draußen liegt die Dübener Heide, ein weites Waldgebiet mit Badeseen und neu erbauten Kurkliniken. Wer richtig sucht, findet dann doch noch eine Urlaubsattraktion, den sehr britischen Heckenirrgarten im lauschig-grünen Dorf Altsebnitz. Am Eingang steht eine Art Opferstock, in die zwei Mark eingeworfen werden, dann geht das Herumirren los, unterbrochen von den Verzweiflungsschreien der anderen Eingeschlossenen. Wissen Sie, wie man hier reinkommt in die Mitte?

Es geht, mit einiger Mühe. Schließlich stehen wir auf dem Turm im Zentrum des Labyrinths und betrachten den Sonnenuntergang. Zeit, über den weiteren Abend nachzudenken. Wie geht es dem Bitterfelder Nachtleben?

Ach: Nach Berlin ist es auch nur eine gute Stunde.

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