Urlaub vor 50 Jahren : Du steckst in der Pampa - und kein Google hilft

Urlaub vor 50 Jahren: Das war anders als heute. Ohne Handys, ohne E-Mails, ohne Anschnallgurte. Dafür mit vielen Währungen und langen Staus vor den Grenzen. Eine Erinnerung.

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So war Urlaub früher: Grenzübergang Italien-Jugoslawien mit Schlagbaum Das Auto vermutlich ohne Gurt, garantiert ohne Google Maps.
So war Urlaub früher: Grenzübergang Italien-Jugoslawien mit Schlagbaum Das Auto vermutlich ohne Gurt, garantiert ohne Google Maps.Foto: imago/Gerhard Leber

Das kleinste der vier Kinder schläft auf der Hutablage. Damit es nicht herunterfällt, wurden Wäschestücke wie Keile an seinen Körper gelegt. Auch die drei anderen Kinder schlafen fest, dicht an dicht auf der Rückbank. Es ist kurz vor Hannover, mäßiger Verkehr. Noch ist es stockdunkel. Gurte gab es damals kaum. Viele Familien fuhren so in den Urlaub.

Das war vor 50 Jahren, dem Sterbejahr von Konrad Adenauer. Kein Handy, verschiedene Währungen, Staus vor jeder Grenze: Es waren andere Erlebnisse als heute, die die Reisen prägten. Eine kleine, unvollständige Erinnerung.

Kurz nach Mitternacht ging die Expedition in Richtung Nordspanien los, die Route verlief quer durch Frankreich. Vorher war die Familie vom ADAC mit einem Urlaubspaket voll Landkarten und Prospekten versorgt worden. Das war ein besonderer Service. In die Straßenkarte war die beste Route eingezeichnet worden. Allerdings war das nicht sehr verlässlich. Viele Daten, über Baustellen etwa, waren veraltet. Dann saß man im Stau, ohne Klimaanlage, dafür mit selbst gebastelten Fächern aus Papier.

Der Beifahrer hatte die Karte immer auf dem Schoß, faltete sie, wenn nötig, musste alle Fragen beantworten können. Wie heißt der Fluss? Wann müssen wir die Autobahn verlassen? Hast Du die Reisepässe griffbereit? Schließlich gab es überall in Europa Grenzen, mit langen Schlangen davor, Schlagbäumen, Zöllnern, Trampern. Die Kinder hatten Kinderreisepässe. Die Mitnahme von Alkohol und Zigaretten war reglementiert. Vor allem in Richtung Skandinavien waren die Kontrollen streng.

Wenn die Kinder aufwachen, geht das Programm los

Hauptsache, die Kinder schlafen so lange wie möglich. Dieses Motto steht am Beginn jeder Urlaubsfahrt. Denn wenn sie aufwachen, geht das Programm los. „Ich sehe was, was du nicht siehst“ oder „Autokennzeichen raten“ oder Stadt-Land-Fluss oder singen oder sich ein Tier ausdenken, das die anderen erraten müssen. „Sind wir bald da?“ Auf diese Frage folgt meistens eine Notlüge.

Die Alternative zum Kinder-Programm sind Dauer-Quengeleien bis zum Streit. Autofahren war unendlich langweilig. Es gab nur das Autoradio – kein Handy, kein Tablet, keine Konsole, kein CD-Spieler, keine Kopfhörer. Später kamen Kassettenrekorder hinzu, bald gab es auch Sprechkassetten für Kinder. Das war dann besser. Vorher indes konnte jeder Zwist in Sekundenschnelle eskalieren. Ein Beispiel: Die Älteste hatte sich eine Puppe ausgedacht, mit der sie sprach und die sie detailliert beschrieb. Die Zweitälteste wollte auch mit dieser imaginären Puppe spielen, bekam sie aber nicht. Daraufhin Gebrüll, Kratzen, Spucken. Gestresste Kinder können sich ja auch über Phantasieobjekte in die Haare bekommen.

Überaus wichtig waren der Verkehrsservice und der Wetterbericht. Da mussten alle im Auto mucksmäuschenstill sein. Und nach dem Verkehrsservice folgte oft ein Reiseruf. „Gesucht wird die Familie Schmidt, unterwegs mit einem blauen VW-Passat, amtliches Kennzeichen B-HH 1234 in Richtung Dänemark. Herr Schmidt möge dringend seinen Bruder in Hannover anrufen.“ Was passiert war, wurde nie gesagt. Überschwemmung, Einbruch, Todesfall?

Die ARD leitete die Reiserufe immer an jene Hörfunksender weiter, in deren Gebiet die Gesuchten vermutet wurden. Wenn man selbst gerade in der Nähe war, wurde das Kennzeichen notiert. Wer helfen kann, will schließlich helfen. Ein blauer VW-Passat? Davon gab’s leider ziemlich viele. Zum Glück hatten die meisten Reisenden ohnehin nur einen Hörfunksender der ARD eingeschaltet. Große Auswahl hatten sie ja nicht.

Notgedrungen wurde mehr kontaktet

Gut vorbereitet musste man auf Unfälle sein. Die Kilometerzahl des Straßenabschnittes notieren, die nächste Notrufsäule finden, Erste Hilfe leisten. Das System der Notrufsäulen wurde erst nach und nach perfektioniert. Und im Ausland? Heute sprechen viele Menschen Englisch, sogar in Frankreich. Aber damals konnte man sicher sein, dass die deutschen Polizisten nur Deutsch, die französischen nur Französisch und die spanischen nur Spanisch verstanden. Man musste also jemanden finden, der beim Übersetzen half, oder sich die Schlüsselbegriffe aus einem kleinen Reise-Wörterbuch herausschreiben und lernen, sie richtig auszusprechen.

Obwohl die Verständigung schwieriger war als heute, wurde notgedrungen mehr kontaktet. Man fragte nach dem Weg, zeigte den Einheimischen die mitgebrachte Karte, hoffte, dass sie die lesen können und man nicht irgendwo in der Pampa gelandet war. Kein Google-Maps, keine Online-Hotel-Recherche mit Anfahrt-Beschreibung half. Pampa war Pampa. Wenn’s dann dämmerte und die Kinder nach 18-stündiger Fahrt restlos erledigt waren, kam einem die nächste Absteige wie ein Gottesgeschenk vor.

Urlaub, das hieß Abenteuer und Überraschung. Das Urlaubsziel war praktisch unbekannt. Eine Empfehlung des Reisebüros, die auf der Empfehlung eines anderen Kunden fußte, der im vergangenen Jahr dort gewesen war. Im Prospekt konnte ein einziges Foto angeschaut werden, weder gab es Online-Bewertungen noch Fotostrecken aus mehreren Perspektiven oder Google-Earth-Heranzoom-Möglichkeiten. „Der Besitzer spricht Deutsch“, stand da noch, das war doch schon mal was.

Auch in Deutschland hatte sich die Tupperware ausgebreitet

Pausiert wurde auf Rastplätzen. Am Abend zuvor waren die Stullen geschmiert worden. Seit ein paar Jahren hatte sich auch in Deutschland die Tupperware ausgebreitet. Besonders beliebt war die Große Rührschüssel. Aber auf Reisen ging es mit den Plastikboxen. Weil Ferien sind, durften die Kinder zum Brot und hartgekochten Ei entweder „Sinalco“ trinken oder „Florida Boy Orange“ oder „Sunkist“. Die Unterschiede verblassen etwas in der Erinnerung.

Der Kontakt zur Heimat brach rasch ab. In die spanischen Münzfernsprecher passte nur Kleingeld, und das ratterte im Sekundentakt durch. Um so aufregender war das Zurückkommen. Auf die Frage „Wie war’s?“ wurden Geschichten erzählt, die noch niemand durch zuvor versandte Handyfotos oder Whatsapp-Mitteilungen kannte. Unvorstellbar.

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