Welt : Urlaubsflug wurde zum Alptraum

Schwere Turbulenzen schleudern Reisende und Stewardessen eines Jumbo-Jets an die Decke / Ein Todesopfer TOKIO (AP/dpa).Flug 826 von Tokio nach Hawaii ist für Passagiere und Besatzung in der Nacht zum Montag zum Alptraum geworden: Schwere Turbulenzen kosteten eine Frau an Bord des Jumbos der US-Fluggesellschaft United Airlines das Leben.Sie wurde wie viele andere, die nicht angeschnallt waren, an die Decke geschleudert.Mehr als 100 der fast 400 Menschen an Bord erlitten Verletzungen. "Ich dachte, ich sterbe", sagte der 16jährige japanische Schüler Kiyotaka Eto.Sein Sicherheitsgurt habe ihn gerettet, sagte er.Ein Sitznachbar, der nicht angegurtet war, wurde gegen die Kabinendecke geschleudert.Ein Sprecher der Fluggesellschaft sagte, bei dem Zwischenfall habe es sich um Klarluftturbulenzen gehandelt, die nicht sichtbar seien.Nach Angaben von Passagieren waren zum Zeitpunkt der Turbulenzen keine "Bitte anschnallen"-Zeichen erleuchtet. Bei der Toten handelt es sich nach Polizeiangaben um eine 32jährige Frau aus Tokio, die ihren schweren Kopfverletzungen erlag.Die Boeing 747 von United Airlines kehrte nach dem Zwischenfall sofort zum Flughafen Narita zurück, wo 74 Passagiere und neun Flugbegleiter in Krankenhäuser eingeliefert wurden.Bis auf elf Passagiere und ein Besatzungsmitglied wurden die anderen Verletzten nach kurzer Behandlung wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Flug 826 nach Honolulu befand sich bereits zwei Stunden über dem Pazifik, als die Maschine plötzlich in die Luftwirbel geriet."Das Flugzeug sackte auf einmal ab, während eine Flugbegleiterin Essen servierte.Die Sauerstoffmasken fielen herab, und das Essen wurde überall verstreut", zitierte Kyodo einen Passagier.Passagiere und Flugbegleiter, die nicht angeschnallt waren, seien an die Decke und die Gepäckablagen über ihren Köpfen geschleudert worden.Die Maschine sackte etwa 300 Meter tief ab.Mehrere Gepäckabteile waren beschädigt, Geschirr lag auf den Gängen herum und die Sauerstoffmasken baumelten von der Kabinendecke herab.Die im hinteren Teil der Kabine sitzenden Passagiere erlitten schwerere Verletzungen als die im Vorderteil. Auch Videoaufnahmen eines Passagiers, die im japanischen Fernsehen ausgestrahlt wurden, zeigten Bilder des Chaos.Menschen flogen durch die Kabine.Überall in den Gängen lagen Menschen, viele schrien vor Schmerzen. Appell an Fluggäste BONN (rtr). Deutsche Piloten und Flugbegleiter haben an die Passagiere appelliert, die Sicherheitsregeln in Flugzeugen besser zu beachten.Fluggäste nähmen die Anweisungen von Piloten und Flugbegleitern häufig nicht ernst oder behandelten sie zu lässig, sagte Bernd Bockstahler von der Piloten-Vereinigung Cockpit. Wenn das Zeichen für Sicherheitsgurte aufleuchte, sollten sich die Passagiere setzen und sich anschnallen, sagte Bockstahler.Generell sollten auch bei Langstreckenflügen die Gurte geschlossen bleiben, um zu vermeiden, daß der Fluggast etwa bei plötzlichen Turbulenzen aus dem Sitz geschleudert werde.Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) kritisierte, daß viele Passagiere die Sicherheits-Erklärungen vor dem Start ignorieren."Wenn dann was passiert, weiß keiner, was er tun soll", sagte Ufo-Geschäftsführer Ziegelmeier.

Turbulenzen können dramatische Folgen haben Das meteorologische Phänomen ist für den Piloten oft nicht vorherzusehen und kann tödlich enden Von Karl Morgenstern, dpa BERLIN (Tsp/dpa). Turbulenzen zwischen Himmel und Erde, im alltäglichen Sprachgebrauch fälschlicherweise oft auch "Luftlöcher" genannt, sind vertikale Auf- oder Abwinde mit teilweise sehr hohen Geschwindigkeiten, die manchmal auch große Verkehrsflugzeuge in Schwierigkeiten bringen können.Allerdings geschieht dergleichen trotz des jüngsten Unfalls über dem Pazifik immer seltener, weil die meisten Turbulenzen heutzutage besser und früher erkennbar gemacht werden können als noch vor wenigen Jahren.Wissenschaftlich gesehen ist der populäre Begriff "Luftlöcher" falsch und irreführend, weil es keine luftleeren Räume in der Atmosphäre gibt. Turbulenzen können vielfältige Ursachen haben.Beispielsweise treten sie manchmal in der Nachbarschaft von Höhenwinden oder sogenannten Jetstreams auf, die erst in letzten Jahrzehnten gründlicher erforscht werden konnten und bei Langstreckenflügen die Reisezeiten erheblich beinflussen können. Gelegentlich treten diese Turbulenzen auch als sogennante Clear Air Turbulence auf.Dann wird es besonders kritisch.Dabei sind auf der Kaltluftseite eines Jetstreams meistens Abwinde aktiv, während auf der Warmluftseite erhebliche Aufwinde auftreten können, die selbst große Flugzeuge mit unwahrscheinlicher Kraft schnell ein paar hundert Meter "hochreißen" können.Diese Klarluftturbulenzen sind für den Piloten nicht sichtbar.Auch das Bordradar oder die Meteorologen können nicht rechtzeitig warnen, weil keine Wolken vorhanden sind. Weil nicht alle Turbulenzen durch charakteristische Wetterbilder oder durch das immer modernere und weiterreichende Wetterradar rechtzeitig signalisiert werden können, empfehlen Piloten ihren Passagieren vor allem bei Langstreckenflügen in kritischen Regionen, dazu gehören besonders weite Teile des Pazifiks und Südostasiens, immer wieder, während des Fluges angeschnallt zu bleiben, besonders in Ruhe- und Schlafpausen.Das verhindert weitgehend Verletzungen oder gar Schlimmeres bei plötzlich auftretenden Turbulenzen. Starke Turbulenzen treten natürlich auch im Umfeld großer und schwerer Gewitter auf.Dagegen sind Verkehrsflugzeuge jedoch inzwischen gut gerüstet.Die heutigen modernen Bordradargeräte erkennen rechtzeitig Gewitterzellen, so daß diesen Gefahren durch Kursänderungen begegnet werden kann.Denn selbst das optisch schönste nächtliche Tropen-Gewitter ist in 12 000 Metern Höhe immer besser aus sicherer Ferne zu beobachten. Weniger kritisch für die Verkehrsluftfahrt, weil weitgehend stationär, sind die Auf- und Abwinde als Folge von Windströmungen im Lee massiver Gebirgszüge, bei denen allerdings auch schon wiederholt vertikale Geschwindigkeiten von zehn bis 15 Metern pro Sekunde gemessen worden sind.Letztlich haben diese vertikalen Turbulenzen zwar ähnliche Ursachen wie Klarluftturbulenzen in der Nähe von Jetstreams, sie sind aber normalerweise besser zu orten. Der Effekt bleibt indessen etwa gleich: In trockener Luft sind trotz der in Gebirgsnähe auftretenden Wellenströmungen oft nur wenige oder gar keine Wolken zu sehen.Deshalb erhöht sich auch immer das Gefahrenmoment. Segelflieger haben dieses Phänomen in den vergangenen Jahren vor allem im Lee der neuseeländischen Alpen oder der nordamerikanischen Felsengebirge, aber selbst in den französischen Seealpen erfahren, wo sie von den gewaltigen "Wind-Rotoren" manchmal buchstäblich binnen Sekunden mehrere hundert Meter aufwärts gerissen oder abwärts gedrückt wurden.Das hat sogar schon zu schweren Unfällen mit tödlichen Abstürzen geführt; wiederholt sind Segelflugzeuge von der Kraft dieser Turbulenzen buchstäblich in der Luft auseinandergerissen worden.

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