Welt : Urteil als Erziehung

Hildesheim: Jungen hatten Mitschüler misshandelt

Heinrich Thies[Hildesheim]

Einigen der jugendlichen Angeklagten ist anzusehen, welche Last nach dem Urteil von ihnen abgefallen ist. Mit demonstrativem Hüftschwung hechtet sich einer von ihnen durch die Reihen der Reporter und Fernsehleute, die sich vor dem Landgericht Hildesheim aufgebaut haben. Nur drei der neun Berufsschüler, die ihren 17 Jahre alten Klassenkameraden Dieter-Dennis wochenlang geschlagen, getreten und gedemütigt hatten, müssen zurück in die Haftanstalt. Die beiden Hauptbeschuldigten Alexander und Patrick verurteilte das Gericht wegen gefährlicher Körperverletzung, räuberischer Erpressung und Nötigung zu jeweils 18 Monaten, den erst 16 Jahre alten Tibet zu 15 Monaten Jugendhaft ohne Bewährung – drei bis vier Monate weniger als die Staatsanwaltschaft verlangt hatte. Drei weitere Angeklagte aus dem harten Kern kamen mit Bewährungsstrafen davon. Darüber hinaus müssen zwei der Schüler einen Dauerarrest von jeweils zwei Wochen absitzen und 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit ableisten.

Auf den 17-jährigen Nils-Georg, der von der Polizei zum Prozessauftakt abgeholt werden musste, kommen dagegen nur 80 Stunden zum Wohl der Allgemeinheit zu. Im Falle von zwei Schülern war das Verfahren eingestellt worden. „Das Gericht hofft auf die gebotene erzieherische Wirkung“, sagt Gerichtssprecher Jan-Michael Seidel nach der nichtöffentlichen Urteilsverkündung, die nicht länger als 35 Minuten dauerte.

Man habe sich nicht von dem öffentlichen Druck leiten lassen und kein Signal zur Abschreckung setzen wollen, betont Oberstaatsanwalt Albrecht Stange. „Es ging darum, die individuelle Schuld und Persönlichkeit individuell zu würdigen.“ Gleichwohl sollte der Prozess aber auch deutlich machen, „dass solche Dinge nicht unter den Teppich gekehrt werden dürfen“. Daher sei es gut gewesen, dass Verteidigung und Staatsanwalt an einem Strang gezogen und sich schon zu Beginn auf einen Strafrahmen geeinigt hätten – auch mit Blick auf das Opfer, dem damit eine quälende Befragung erspart worden sei. Um den Prozess nicht in die Länge zu ziehen, habe sich das Gericht bei den vielen Misshandlungen auf die „Spitze des Eisbergs“ konzentriert.

Die Jungen hatten Dieter-Dennis gezwungen, Kreide herunterzuwürgen, sein Geschlechtsteil zu entblößen und den Peinigern die Schuhe zu küssen – vor laufender Kamera. Die drei Haupttäter, die seit Februar in Untersuchungshaft sitzen, können jetzt hoffen, das Schlimmste hinter sich zu haben. Aus Sicht des Staatsanwalts dürfen sie den Rest ihrer Haft vermutlich im offenen Vollzug verbüßen. Dies bedeutet, dass sie die Haftanstalt tagsüber – für Schule und Ausbildung – verlassen können. Einigen der anderen Schüler hat das Gericht aus pädagogischen Gründen einen Erste-Hilfe-Kurs verordnet. „Wer andere verletzt, sollte eine Vorstellung davon bekommen, welche Folgen dies hat“, erläutert der Staatsanwalt. „Bisschen härter wäre besser gewesen“, kommentiert ein älterer Bekannter des verurteilten Türken Tibet. Die Verteidiger sehen dies natürlich ganz anders. Einige zeigten sich zwar ein wenig enttäuscht, dass nicht alle Strafen zur Bewährung ausgesetzt wurden, doch an Revision denkt niemand.

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