Urteil im Mordfall in Kassel : Mord an geistig Behindertem

Im Prozess um den Tod eines geistig Behinderten nach monatelangen Misshandlungen ist ein nordhessisches Ehepaar mit glimpflichen Strafen davongekommen. Der Hauptangeklagte wurde zu acht Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

Joachim F.Tornau[ddp]

KasselIm Prozess um den Tod eines geistig Behinderten nach monatelangen Misshandlungen ist ein nordhessisches Ehepaar mit glimpflichen Strafen davongekommen. Das Kasseler Landgericht verurteilte den 43-jährigen Mann zu acht Jahren und drei Monaten Haft. Seine 38 Jahre alte Gattin muss für vier Jahre ins Gefängnis. Für einen 33-Jährigen, der beim Aussetzen des Getöteten geholfen hatte, hielt die Schwurgerichtskammer eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren für ausreichend.

Die Eheleute aus Grebenstein bei Kassel hätten den lernbehinderten 29-Jährigen nur bei sich aufgenommen, um seine Sozialhilfe zu kassieren, sagte Vorsitzender Richter Volker Mütze in der Urteilsbegründung. "Er war in die Familie integriert, aber noch unterhalb der Kinder eingestuft." Er sei geschlagen und gedemütigt worden, sogar ein Ohr habe man ihm abgeschnitten.

"Die Angeklagten haben sich auf die tiefste Stufe gestellt und bewegen sich außerhalb unserer Gesellschaft", sagte Mütze. "Unter moralischen Gesichtspunkten war ihr Handeln äußerst verwerflich." Die juristische Ahndung der Tat fiel dem Gericht am Ende des achtmonatigen Prozesses jedoch schwer. "Die genaue Todesursache ist nicht zu ermitteln", erklärte der Vorsitzende Richter. Doch nur darum sei es in dem Verfahren gegangen - und nicht um die monatelangen Misshandlungen zuvor.

Richter: "Sinnlose Tat"

Das Gericht hielt es aber für erwiesen, dass der 43-jährige Hauptangeklagte dem Opfer im Juli 2003 mit einem Schemel brutal auf den Kopf geschlagen hatte. "Eine sinnlose Tat", sagte Mütze. "Es ging um eine reine Demonstration von Machtstärke, um Abreagieren von Wut, nur für das Ego des Angeklagten." Anschließend habe das Paar dem 29-Jährigen, der sich nicht mehr bewegen konnte, die ärztliche Hilfe verweigert. Stattdessen hätten sie den schwer Verletzten auf einem Parkplatz in Thüringen aussetzen wollen, um die Tat zu vertuschen. "Er war überflüssig und musste weg." Doch bereits auf der Fahrt sei der lernbehinderte 29-Jährige gestorben.

Die Anklage hatte deshalb ursprünglich auf Mord durch Unterlassen gelautet. Nach einem rechtsmedizinischen Gutachten hätte der 29-Jährige jedoch auch dann nicht überlebt, wenn er von den Angeklagten ins Krankenhaus gebracht worden wäre. Deshalb wertete das Gericht das Aussetzen nur als versuchten Mord: Das Ehepaar habe den Tod des geistig behinderten Mannes mit der unterlassenen Hilfe zwar nicht verursacht, aber in Kauf genommen. Ob der junge Mann indes an den Folgen der Schemelattacke oder aus anderen Gründen gestorben sei, sei unklar. "Der Gesundheitszustand des Opfers war vorher schon äußerst bedenklich", sagte Mütze.

Mitangeklagter Freund sagte aus und bekam Bewährung

Den mitangeklagten Freund der Eheleute verurteilte das Gericht wegen Beihilfe zum versuchten Mord. Mit der Bewährungsstrafe würdigte die Strafkammer, dass der 33-Jährige nach seiner Festnahme bei der Polizei freimütig ausgesagt hatte. "Er war es, der dieses Verfahren zum Laufen gebracht hat", sagte der Vorsitzende Richter. Vor Gericht hatten alle drei Angeklagten zu den Vorwürfen geschwiegen.

Mit seinem Urteil blieb das Landgericht deutlich unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft, die zwölf Jahre Gefängnis für den 43-Jährigen, fünfeinhalb Jahre für seine Ehefrau und dreieinhalb Jahre für den 33-Jährigen verlangt hatte. Die Verteidiger hatten dagegen auf sechs beziehungsweise drei Jahre für die Eheleute plädiert. Der Helfer des Paars sollte sogar freigesprochen werden.

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