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Urteil über Massenmörder Breivik : Schuldig und nicht geisteskrank

Anders Breivik erwartet nach seinem Urteil Strafe, keine Therapie. Es ist das, was er gewollt hat und auch, was die Norweger umgetrieben hat. Dennoch wird trotz unzähliger Experten wohl niemand je sicher wissen können, was Breivik an jenem Julinachmittag im vergangenen Jahr dachte.

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Massenmörder ohne Reue. Anders Behring Breivik während der Verlesung des Urteils.
Massenmörder ohne Reue. Anders Behring Breivik während der Verlesung des Urteils.Foto: dapd

Unmöglich zu wissen, was er denkt. Eben hat er noch gelächelt. Dann – wieder einmal – die Faust gereckt. Sehr aufrecht stand er danach zwischen seinen Anwälten. Gerader Rücken, die Hände in den Handschellen, die Finger ineinander verschränkt. Wenn Anders Behring Breivik an diesem Freitagmorgen angespannt sein sollte, dann ist das höchstens an den Spitzen seiner Daumen zu sehen, die er fest aufeinanderpresst.

21 Jahre Gefängnis, verliest die Richterin, mit anschließender Sicherheitsverwahrung von mindestens zehn Jahren. Das ist in Norwegen die Höchststrafe. Das Gericht glaubt also, dass er schuldig ist und nicht geisteskrank. Es ist das, was Anders Breivik gewollt hat. Ein politischer Terrorist sein und kein Verrückter. Es ist auch das, was die Norweger umgetrieben hat im vergangenen Jahr. Sie wünschten ihm Strafe, keine Therapie. Nun bekommen, es ist eine Ironie, beide Seiten, was sie gewünscht haben. Und dennoch bleibt Breivik unbewegt.

Es ist nun über ein Jahr her, dass er 77 Menschen umgebracht hat. Er brachte im Osloer Regierungsviertel eine Bombe zur Explosion. Acht starben, etliche wurden schwerstverletzt. Er fuhr zur Fjordinsel Utøya, setzte auf einer Fähre über, verkleidet als Polizist. Hunderte Teilnehmer eines Sommerlagers der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten rief er zusammen – und begann zu schießen. Er jagte sie über die Insel, 67 erschoss er, zwei starben auf der Flucht, sie stürzten von Felsen oder ertranken. Jene, die er traf, schoss er in den Kopf. Er tötete sie nicht nur, er richtete sie hin.

Ruhig sitzen Angehörige seiner Opfer im Gericht. Mütter und Väter, die müde aussehen und traurig. Kurz zuvor haben sie sich noch umarmt. Ein Mann Mitte 50 zerbeißt sich die Fingernägel an seiner rechten Hand. Starr blickt er nach vorn.

Video: Behring soll nie wieder freikommen

Die Urteilsbegründung umfasst 90 Seiten. „Es wird eine Weile dauern“, sagt die Vorsitzende Richterin Wenche Elizabeth Arntzen. Und dann tastet das Gericht sich einmal mehr heran an die Frage der Zurechnungsfähigkeit. Es ist ein Abriss aus Anders Breiviks 33 Jahre langem Leben. Über seine Familie, die Mutter, die früh Probleme mit dem verhaltensauffälligen Kleinkind Anders hatte, die Hilfe suchte beim Jugendamt; über Breiviks Ausflüge in die Graffitiszene Oslos und die Jahre, in denen ihm ein Unternehmen nach dem nächsten bankrott ging; bis hin zu Breiviks exzessivem Computerspiel und dem „Manifest“, das er kurz vor den Anschlägen des 22. Juli online stellte. Mehr als 1500 Seiten, gefüllt mit seinen eigenen Gedanken und denen anderer – gegen Multikulturalismus, gegen den Islam, gegen die liberalen Ideen der ihm so verhassten sozialdemokratischen Regierung.

Bildergalerie: Der Prozess gegen Anders Breivik

Gedenken an die Opfer der Breivik-Attentate
Das Gedenken an das Massaker von Utöya am 22. Juli 2011 erreicht auch die Insel selbst, wie hier zu sehen. Auf dem Bootssteg wurden Kränze ausgelegt, das Boot im Hintergrund, die "Thorbjorn" trug Breivik damals zur Insel.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: dpa
22.07.2013 18:06Das Gedenken an das Massaker von Utöya am 22. Juli 2011 erreicht auch die Insel selbst, wie hier zu sehen. Auf dem Bootssteg...

Seine Gedanken nimmt das Gericht ernst. Nur an die Organisation Tempelritter, deren Teil Breivik sein will, als militante „Ein-Mann-Zelle“, glaubt das Gericht nicht. Er selbst, das wird einmal mehr betont, gab sich den Auftrag zu töten. Niemand sonst.

Vielleicht wird jetzt geschehen, was Menschen wie Methab Afsar sich wünschen: dass der Fall Anders Breivik für Diskussionen sorgt jenseits derer, die sich nur darum drehen, ob er geisteskrank ist oder nicht. Afsar ist der Generalsekretär des Rats der Muslime in Norwegen, und natürlich hat er den Prozess ständig verfolgt, mal im Gerichtssaal, mal außerhalb.

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