Welt : US-Katholiken unter Druck

Robert von Rimscha

Pompano Beach liegt gut 50 Kilometer nördlich von Miami direkt am Strand. Das Wasser des Atlantik ist warm, die Gegend flach, die Häuser in den Wohngegenden sind niedrig und von viel Grün umwuchert. Pompano Beach hat 19 Kirchen und einen großen Zankapfel. Der drittältesten der Kirchen ist es von der Kreisverwaltung nämlich gerade untersagt worden, am Sonntag die Glocken zu läuten. Eine Ausnahmeregelung zugunsten der Kirche, die sie von den strengen Lärm-Richtlinien Floridas befreit hätte, wäre eine Verletzung der Trennung zwischen Kirche und Staat gewesen, hieß es zur Begründung.

Oder: Der Dachverband der College-Footballer hat es den Spielern vor kurzem untersagt, nach einem "Touchdown" unterm Tor niederzuknien oder sich zu bekreuzigen. Das wäre zu viel Religion im öffentlichen, mit Steuern subventionierten Stadion. Oder: Nach dem 13-fachen Mord an der Columbine High School in Colorado im April untersagte das Schulamt den Eltern der getöteten Schüler, religiöse Motive für die Gedenk-Kacheln zu wählen, die für ein Mahnmal gestiftet werden sollten. Ein Kreuz, eine Taube oder gar ein Bibelzitat verletzten die Trennung zwischen Kirche und Staat, lautete die Begründung der Verwalter.

Seit Jahren kritisieren Politiker und Regierungsbeamte in Washington, der deutsche Staat diskriminiere Scientology. Wenn man eine wachsende und zunehmend verbitterte Minderheit der Amerikaner fragt, findet die schlimmste Religionsverfolgung in den USA selbst statt. Als Opfer gilt das traditionelle Christentum im Allgemeinen und der konservative Katholizismus im Besonderen.

Kritiker beklagen vor allem, dass es zu haarsträubenden Widersprüchen komme, wenn die Meinungsfreiheit ebenso radikal interpretiert werde wie die Trennung von Staat und Kirche, zwei Prinzipien, die nur in der US-Verfassung friedlich nebeneinander stehen. Ebenfalls in Colorado haben Schüler erfolgreich gegen ihren Rausschmiss geklagt: Sie hatten morgens vor dem Unterricht den Hitlergruß gezeigt. Anders als in Deutschland sind Symbole verfassungsfeindlicher Organisationen in den USA nicht verboten.

Von der modernen Kunst fühlen sich Amerikas konservative Christen seit langem verspottet. Streit gibt es noch immer um die New Yorker Ausstellung "Sensation" mit Werken der britischen Avantgarde. Am anstößigsten ist für konservative Kritiker Chris Ofilis Darstellung der Jungfrau Maria, umgeben von Elefanten-Dung. "Die Heilige Familie auf einem Dorfplatz aufzustellen ist verboten, Maria mit Kot zu verunstalten ist nicht nur erlaubt, sondern wird von Steuergeldern finanziert", schimpft etwa Gary Bauer, früher Ronald Reagans Innenpolitikberater und heute republikanischer Präsidentschaftskandidat der religiösen Rechten.

Bauer hat eine Liste Katholizismus-feindlicher Kunstwerke veröffentlicht. Eine Galerie in New Hampshire zeigt Gemälde, auf denen Frösche in Badehosen am Letzten Abendmahl teilnehmen. Eine Hochschule in Pennsylvania besitzt ein Gemälde, das einen SS-Mann und einen Pfarrer zeigt, die auf einem jüdischen Holocaust-Opfer stehen. Die Rockband "Rotting Christ" ("Verrottender Christus") steht auf Bauers Liste ebenso wie das Theaterstück "Corpus Christi".

Bauers zentrales Argument lautet: "Jüdische oder islamische Symbole würden niemals in ähnlicher Weise durch pornographische Darstellung oder durch Exkremente zum Gespött gemacht." Der kleine Mann mit den Froschaugen sieht radikale Säkularisten und die liberale Elite am Werk. William Donohue, Präsident der "Katholischen Liga für religiöse und bürgerliche Rechte", diagnostiziert eine ähnliche Verschiebung: "Der anti-katholische Fanatismus wird nicht länger von denselben Gruppen wie früher getragen. Es sind nicht mehr Randgruppen wie der Ku Klux Klan oder protestantische Radikale. Heute ist Anti-Katholizismus der Konsens der Etablierten und ihrer Institutionen."

Evangelikale Christen und traditionelle Katholiken sehen den Anti-Katholizismus als das letzte sanktionierte Vorurteil, das in den USA existiert. Und sie scheuen sich nicht vor drastischen Parallelen. "Das Verspotten des Katholizismus ist zum Antisemitismus der liberalen Elite geworden", glaubt Bauer. Er vergleicht die Lage mit der Religions-Unterdrückung in China und im ehemaligen Ostblock.

Knapp 30 Prozent der 270 Millionen US-Bürger sind Katholiken. Das wohl wichtigste Schlachtfeld um die künftige Bedeutung des Glaubens sind die 230 katholischen Colleges und Universitäten, an denen derzeit 670 000 junge Amerikaner studieren. Am 17. November eskalierte der Kulturkampf um die Ausbildung des akademisch-katholischen Nachwuchses. Die Bischofskonferenz der USA beschloss, künftig die doktrinäre Reinheit aller Theologieprofessoren zu prüfen, wie es der Vatikan verlangt.

Die meisten Hochschulen sind dagegen. Von einer "offensichtlichen Bedrohung für unsere akademische Freiheit" war an der jesuitischen Georgetown-Universität in Washington die Rede. Erzbischof Rembert Weakland aus Milwaukee stimmt zu. "Die Spannung zwischen Kirchenhierarchie und Theologielehrern ist größer als jemals zuvor in 36 Jahren", meint er. Eines wissen sowohl die Bischöfe als auch die Hochschul-Präsidenten: Übt die Kirche eine schärfere Kontrolle aus, lädt sie die Gegenseite zum Klagen ein. Die Bürgerrechtsvereinigung ACLU ("American Civil Liberties Union") will nun gegen jede katholische Hochschule vorgehen, die Steuergelder erhält.

Die religiöse Rechte, zu der sich inklusive der evangelikalen Protestanten rund ein Drittel der Bevölkerung bekennt, fühlt sich bedrängt. Das hat auch mit dem Umstand zu tun, dass ihren politischen Vertretern der Wind ins Gesicht bläst. Die republikanischen Spitzenkandidaten George W. Bush und John McCain stellen Moral-Fragen hintan. Beide treten für die Doktrin vom "großen Zelt" ein: Die Republikaner müssten Abtreibungsgegner und -befürworter gleichermaßen ansprechen. Vorwahlzeiten sind sonst ein Jubelfest für bibeltreue Rechte.

Falls Gary Bauer, der einzige Bannerträger der religiösen Rechten, wider alle Erwartungen tatsächlich Präsident werden sollte, will er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Für das katholische Selbstbewusstsein und gegen die Gewalt unter Jugendlichen hat Bauer eine Lösung: Er will die Zehn Gebote in jedem Klassenzimmer aufhängen.

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