USA : 180 Millionen Amerikaner zittern vor Kälte

Beißend kalte Winterluft in den USA lässt mehr als 180 Millionen Amerikaner zittern. Über mehr als die Hälfte des Landes legte sich am Dienstag eine arktische Kaltfront, die sich vom Mittleren Westen in Richtung Nordosten schob.

Barbara Junge
Schicke New Yorkerinnen trotzen der Kälte.
Schicke New Yorkerinnen trotzen der Kälte.Foto: AFP

Bei vergleichsweise milden fünf Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt haben die Zitrus-Farmer in Louisiana am Montag und Dienstag all ihre Erntehelfer zusammengezogen. Eingepackt in warme Pullover und dicke Jacken pflücken und sammeln Arbeiter wie Christiano Hernandez unter Hochdruck die gelben Orangen in Belle Chasse. Aus Florida gibt es ähnlich ungewohnte Bilder von Erntehelfern mit dicken Handschuhen. Dort, am Dienstag gemütliche zwei Grad plus, pflücken Farmer und ihre Landarbeiter Grapefruits, Orangen und Zitronen im noch nicht ganz reifen Zustand. Die Früchte werden den Markt in den nächsten Tagen überschwemmen. Aber immer noch besser, als zu erfrieren.

Notstand ausgerufen


Während die Farmer in Louisiana, Florida oder Mississippi versuchen, ihre Ernte, Zitrusfrüchte, Salat, Tomaten, Mais und Erdbeeren vor der Kältwelle so weit wie möglich noch zu retten, leidet der Nordosten und die nördliche Ostküste der USA unter eisigen Temperaturen und arktischen Winden. Die Kaltfront, die schon den Mittleren Westen mit Temperaturen bis zu minus 38 Grad Celsius in den vergangenen Tagen lahmgelegt hatte, hat sich weiter nach Osten ausgebreitet. Wie ein lilafarbenes Band liegt die schlimmste Kältewelle der Vereinigten Staaten seit 20 Jahren auf den Wetterkarten nun vom Mittleren Westen über Chicago bis nach New York und Washington. Mit Temperaturstürzen von bis zu 25 Grad über Nacht.

Obdachlosen-Dienste rufen Code Blue aus


Der Gouverneur des Bundesstaats New York, Andrew Cuomo, rief am Dienstag den Notstand für Teile des Landes aus. Windchill-Temperaturen  von minus 35 Grad Celsius machten mancherorts schon das Verlassen des Hauses zu einem Risiko. In New York City warnte die Notstandsbehörde vor „lebensgefährlichen Windchill-Temperaturen“. Für die Obdachlosen-Dienste wurde „Code Blue“ ausgerufen. Mitarbeiter wurden losgeschickt, um möglichst viele der 50 000 Obdachlosen von der Straße in die beheizten Unterkünfte zu bringen. Umständliche Aufnahmeformalitäten wurden zudem vorerst außer Kraft gesetzt, es gibt ein warmes Essen und Schutz vor dem drohenden Kältetod. Und obwohl die staatlichen Schulen geöffnet waren, riefen Behörden die Bürger dazu auf, wenn möglich zuhause zu bleiben und nach alten oder kranken Nachbarn zu schauen. Das öffentliche Leben aber lief trotz Kältewarnungen und Flugausfällen irgendwie weiter.

Gefährliche Situation in Washington


Für die Bundeshauptstadt Washington galt am Dienstag eine „teilweise gefährliche Situation“. Das Thermometer war über Nacht von milden Graden über dem Gefrierpunkt auf mancherorts minus 15 Grad gefallen. In New York fiel der Temperatursturz mit bis zu 25 Grad ebenso drastisch aus. Und während im Distict of Columbia die öffentlichen Schulen in Betrieb blieben, sagten diverse Countys rund um Washington in den Bundesstaaten Maryland und Virginia den Eltern ab. Der Senat hatte bereits am Montag eine Abstimmung verlegt, da kältebedingt nicht alle Senatoren nach Washington hatten gelangen können. Seit Tagen fallen in den USA tausende von Flügen aus. Die Gesellschaft JetBlue Aiways stoppte alle Flüge nach und von New York und Boston. Teilweise konnten am Montag und Dienstag auch Züge nicht fahren.

Die Bevölkerung der von der Kältewelle betroffenen Bundeststaaten wurde zu Vorsorgemaßnahmen aufgerufen. Wasserhähne sollten tröpfeln, um ein Einfrieren zu verhindern, Badewannen und Gefäße mit Wasser gefüllt werden, Trinkwasser gekauft. Lebensmittelvorräte und mechanische Dosenöffner gehörten ins Haus, ebenso wie potenziell notwendige Medizin und Batterien. Zudem solle man das Radio laufen lassen - für mögliche Notdurchsagen.

Schulen seit Tagen geschlossen


Selbst Anana, der Eisbär im Lincoln Park Zoo in Chicago, durfte am Dienstag ihr Haus nicht ins Gehege verlassen. Zu kalt. Im Gegensatz zu frei lebenden Artgenossen hat Anana nicht genug Fettschichten für dieses Wetter aufgebaut.  Wegen gefrorener Treibstofftleitungen fielen in Chicago die Hälfte aller Flüge aus.  Und die Weltraumbehörde Nasa sagte den Start des privaten Raumfrachters Cygnus ab.


Insgesamt sind in den Vereinigten Staaten an die 200 Millionen Menschen von der arktischen Kälte betroffen. Noch immer beherrschte die Kälte am Dienstag auch den Mittleren Westen. In Minnesota, Montana, Minneapolis, Nord- und Süd-Dakota, Wisconsin und Nebraska lagen die Temperaturen noch unter minus 30 Grad. Das ist bis zu 20 Grad kälter als sonst hier im Winter. Seit Tagen sind hier die Schulen geschlossen, Regierungsbehörden dicht, Firmen nicht in Betrieb. Das öffentliche Leben findet kaum statt. Zum Ende der Woche aber wird von den Metereologen Besserung in Aussicht gestellt. Dann könnte auch der Mittlere Westen auftauen.




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