USA : Die Ölpest erreicht das Weiße Haus

Nicht mehr allein BP spürt die Wut der Betroffenen, der Zorn richtet sich jetzt auch gegen Obama.

Friedemann Diederichs
Schippen gegen Öl. In Port Fourchon/Louisiana kämpfen Arbeiter um den Strand.
Schippen gegen Öl. In Port Fourchon/Louisiana kämpfen Arbeiter um den Strand.Foto: dpa

Daniel Bourgeois hat viele Fragen – doch bekommt immer noch keine klaren Antworten. Wann er wieder zum Shrimpfischen herausfahren könne. Warum BP ihn, den 59-jährigen Kapitän, nicht zum Legen neuer Ölsperren verpflichte. Schließlich kenne er die verzweigten Gewässer und Marschen im Mississippi- Delta wie seine Westentasche. Und wann endlich die Regierung die sich ausweitende Katastrophe in den Griff bekomme.

Der sonnengegerbte Fischer aus Venice steht stellvertretend für den Zorn der von der Ölpest Betroffenen – eine Flutwelle an Verärgerung, die US-Präsident Barack Obama am Freitag mit einer erneuten Reise an die Golfküste stoppen will. Es ist eine explosive Mischung aus Hilflosigkeit, Wut und Resignation, die sich hier breitmacht. Dass BP am Mittwoch in einem erneuten Anlauf versuchen wollte, das geborstene Steigrohr am Meeresboden mit Schlamm zu beschießen und mit diesem „Top kill“-Verfahren zu stopfen, ringt Bourgeois und seinem 85 Jahre alten Vater nur ein müdes Lächeln ab. Und BP selbst schätzt die Erfolgschancen auf maximal 70 Prozent.

Beide Männer sind zu einer Bürgerversammlung in die Boothville-Grundschule gekommen, und wie Hunderte andere hören sie immer noch, was sie nicht mehr hören können: Ausflüchte und Entschuldigungen. Ein kleinlauter BP-Vertreter, der eingesteht: „Ich kann nichts sagen, was eure Stimmung heben wird.“ Ein Küstenwachenkommandeur, der eingesteht, nicht genug Ölsperren zu haben. Ein Abgesandter der Umweltbehörde EPA, der zu stammeln beginnt, als eine Bürgerin die politisch brisante Frage stellt: Warum die Regierung BP zunächst den Einsatz eines wenig erforschten Dispersionsmittels verbiete – und dann zusehe, wie der Konzern es dennoch weiter verwende?

„Wir trauen euch nicht mehr“, schleudern die Menschen in der Turnhalle immer wieder den Offiziellen entgegen. Unterschiede bei den Schuldigen werden nicht mehr gemacht, viele der Fischer stehen vor dem Ruin. Die 5000 Dollar Abschlagszahlung pro Kopf sind längst aufgebraucht. Wann gibt es wieder Geld von BP? Keiner weiß es. Eine Schlange bildet sich vor dem Tisch, an dem Lebensmittelmarken beantragt werden können. Die Wartenden reihen sich vor großen Fotos von verseuchten Stränden, einem toten Delfin und einem ölverschmierten Pelikan auf – dem Wappentier von Louisiana, nun ein perfektes Symbol des Leidens einer ganzen Region.

Dem Weißen Haus schlägt immer größeres Misstrauen entgegen. Die erneute Reise Obamas wertet auch Barry Nungesser, Bezirkspräsident des schwer betroffenen Plaquemines Parish, als PR-Show. „Vor zwei Wochen hat er mir tief in die Augen gesehen und versprochen: Wir werden euch nicht vergessen“, sagt Nungesser. „Doch Obamas System funktioniert nicht. Er muss endlich führen.“ So wie Nungesser, der früher in den Ölfeldern arbeitete und heute die BP-Führung als „Kriminelle“ bezeichnet, denken immer mehr US-Bürger. Bereits jeder zweite Amerikaner zeigt sich einer Umfrage zufolge unzufrieden mit dem Krisenmanagement Obamas, und 53 Prozent glauben: Die Ölpest wird sich nicht eindämmen lassen.

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