USA : Die Stadt der jungen Mütter

In Gloucester vervierfacht sich die Zahl schwangerer Schülerinnen. Haben die Minderjährigen einen Babypakt geschlossen?

Christoph von Marschall

WashingtonSie sind selbst noch halbe Kinder. Und haben ihrer kleinen Hafenstadt Gloucester, Massachusetts, zu zweifelhafter Berühmtheit verholfen. 17 Schülerinnen der High School, die meisten 16 Jahre alt, manche jünger, sind schwanger. Jetzt spekuliert Amerika, ob sie sich verabredet haben – ob sie einen „Schwangerschaftspakt“ geschlossen haben.

Das behauptet das „Time“-Magazin unter Berufung auf Schulleiter Joseph Sullivan. Ihm soll eines der Mädchen diesen Pakt gestanden haben. Seither zeigen die TV-Sender unter griffigen Schlagzeilen wie „Pregnancy Pact“ und „Baby Club“ fast rund um die Uhr nichtssagende Straßen- und Schulhofszenen aus der 30 000-Seelen-Gemeinde. Die Kameras richten sich wegen des Persönlichkeitsschutzes auf Füße und Asphalt; kommt ein menschliches Gesicht ins Bild, wird es meist unkenntlich gemacht.

Doch Carolyn Kirk, die Bürgermeisterin, bestreitet die Existenz des Paktes. Sie sagt, Sullivan könne keine Quelle dafür nennen und sei von der Behauptung inzwischen abgerückt. Aber auch Kirk gibt zu, dass eine Verabredung „glaubhaft“ sei „in dem Sinne, dass sie den Anstieg der Teenager-Schwangerschaften erklären würde“. In den vergangenen Jahren wurden im Schnitt vier Mädchen unter den 1200 Schülern der High School schwanger. Zur Schule gehört eine medizinische Beratung. Dem Personal fiel auf, dass ein Mädchen in kurzer Zeit mehrfach zum Schwangerschaftstest erschien und „enttäuscht“ wirkte, als das Ergebnis negativ war. Die mutmaßlichen Väter sind Mitte 20. Häufig ist von einem Obdachlosen die Rede, der womöglich mehrere Mädchen geschwängert hat.

Bürgermeisterin Kirk verweist auf die sozialen Nöte. Gloucester lebte lange vom Fischfang auf dem Atlantik, seit Jahren ist die Wirtschaft im Niedergang. „Die Mädchen denken, ein Baby könne ihnen die fehlende Liebe geben oder ihr Ansehen steigern oder die Leere in ihrem Leben ausfüllen.“ Sie wüssten gar nicht, wie belastend das Leben einer minderjährigen Mutter sei, zum Beispiel, wenn das Baby nachts um drei schreit.

Kritisiert wird nun die Entscheidung des „School Committee“, keine Verhütungsmittel zu verteilen. Die Mitglieder dieser Schulaufsicht werden von den Bürgern gewählt. Gloucester ist sehr katholisch. Der Leiter des ärztlichen Dienstes war wegen der Kontroverse zurückgetreten. Auch der Sexualkundeunterricht war aus Kostengründen gestrichen worden. Manche geben Hollywood eine Mitschuld. Filme wie „Juno“ und „Knocked up“ stellten das Leben minderjähriger Mütter zu glamourös und positiv dar. „Time“ zitiert eine Klassenkameradin der schwangeren Mädchen: „Niemand hat ihnen ein besseres Lebensziel gezeigt.“ Christoph von Marschall

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