USA : Straßenmusikanten als Ordnungshüter - neue Strategie in Seattle

Die neuen Ordnungshüter in Seattle tragen weder Uniform noch Pistole. Sie rücken mit Gitarren, Waschbrettern und Hula-Hoop-Reifen zum Dienst in den städtischen Parkanlagen an.

Barbara Munker[dpa]

San Francisco/SeattleDie neuen Ordnungshüter in Seattle (US-Staat Washington) tragen weder Uniform noch Pistole. Sie rücken mit Gitarren, Waschbrettern und Hula-Hoop-Reifen zum Dienst in den städtischen Parkanlagen an. In diesem Sommer setzt die Verwaltung der Westküstenmetropole auf Straßenkünstler, um Kleinkriminelle abzuschrecken und die Grünanlagen sicherer und freundlicher zu machen. "Es ist uns einen Versuch wert", sagt Victoria Schoenburg, Programmkoordinatorin bei der Parkbehörde. "Wir wollen damit eine Atmosphäre schaffen, in der sich Besucher sicher fühlen."

In den Stadtparks der knapp 600.000 Einwohner zählenden City zählen Drogendealer und illegale Prostitution zu den größten Problemen. Die Anlagen seien nicht sehr einladend, und es müssten mehr Anreize für Besucher geschaffen werden, befand kürzlich ein Untersuchungsausschuss der Stadt. Dafür sorgen nun zwanzig Straßenkünstler, Musikanten und Akrobaten, die bis Ende September auf Kosten der Stadt für Ambiente und Ordnung sorgen sollen. 30 Dollar erhalten die Künstler pro Auftritt in fünf städtischen Parks. Nach Dienstplan treten sie montags bis freitags für je drei Stunden an.

Streitende zum Lächeln bringen

"Wir machen die Parks sicherer", davon ist Kirsten Anderberg überzeugt. Die 46 Jahre alte Künstlerin musiziert seit 28 Jahren in den Straßen von Seattle und anderen US-Städten. Nun kassiert sie neben Trinkgeldern auch den städtischen Lohn ab. "Wir machen den Park ein bisschen menschlicher und damit familienfreundlicher. Wenn die Polizei patrouilliert, dann schafft das gleich einen feindseligen Ton." Nach den ersten Erfahrungen der singenden Ordnungshüterin konnte sie Geschäftsleute, Touristen und Familien aber auch Obdachlose mit ihren Liedern anlocken. Sie wollte auf keinen Fall dazu beitragen, Obdachlose aus dem Park zu vertreiben, beteuert die Künstlerin.

Auch Emery Carl glaubt an den positiven Effekt seiner Kunst. Der 29-Jährige unterhält mit Gitarre und Hula-Hoop-Reifen und lädt seine Zuhörer häufig zum Mitmachen ein. Er habe kürzlich vor einer Kneipe eine Gruppe streitender Männer zum Lachen bringen können, erzählt Carl der "Los Angeles Times". Für Victoria Schoenburg ist das Musikanten-Experiment eine einfache, preiswerte Idee und zudem "viel ansprechender und billiger" als ein stärkeres Polizeiaufgebot.

Einige konservative Gruppen und Radio-Moderatoren hätten das Programm als Geldverschwendung kritisiert, mokiert sich Kirsten Anderberg. 10.000 Dollar ist der Stadt der zunächst drei Monate lange Versuch wert. "Es ist eine ausgefallene und mutige Idee seitens der Verwaltung", räumt die Sängerin ein. "Ich kann nur hoffen, dass dies die Runde macht und Straßenkünstler in aller Welt für solche Dienste bezahlt werden." Am Ende des Sommers will die Stadt Bilanz ziehen. Möglicherweise sollen im nächsten Jahr weitere Parks einbezogen werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben