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USA : Sturm "Harvey" bedroht Louisiana - und wird teuer für Texas

Das Sturmtief „Harvey“ hat in Texas großflächige Zerstörungen angerichtet. Der Gouverneur rechnet mit enormen Kosten für die Nothilfe. Meteorologen warnen vor lebensgefährlichen Überflutungen.

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Notlage in Texas: Bewohner von Houston bringen ihr Hab und Gut in Sicherheit
Notlage in Texas: Bewohner von Houston bringen ihr Hab und Gut in SicherheitFoto: Reuters/Adrees Latif

Die Kosten für den Wiederaufbau nach dem Sturm „Harvey“ könnten nach Einschätzung des texanischen Gouverneurs „weit höher“ liegen als nach dem Hurrikan „Katrina“ 2005. Greg Abbott rechne mit einer deutlich höheren Summe als die Nothilfe von 125 Milliarden Dollar (105 Mrd. Euro), die damals zur Verfügung gestellt wurde, berichtete das „Wall Street Journal“. Das Katastrophengebiet sei viel größer und bevölkerungsreicher als bei „Katrina“ oder auch „Sandy“ im Jahr 2012, sagte der Gouverneur am Mittwoch (Ortszeit).

Obwohl „Harvey“ inzwischen nach Louisiana weitergezogen ist, sei für Texas „das Schlimmste noch nicht vorbei“, sagte Abbott weiter. Vor allem im Südosten des US-Bundesstaats müssten die Anwohner weiterhin mit starkem Regen und Überschwemmungen rechnen. Das US-Hurrikan-Zentrum stufte „Harvey“ in der Nacht zum Donnerstag zu einem tropischen Tiefdruckgebiet herab.

Schon mehr als 30 Tote

Der Nationale Wetterdienst der USA warnte am Mittwoch vor „katastrophalen und lebensbedrohlichen Überschwemmungen“ im Osten von Texas und in Teilen von Louisiana. Dort befürchten manche Bewohner eine Wiederholung der Katastrophe, die sich vor genau zwölf Jahren während des Wirbelsturms „Katrina“ abspielte. Damals starben rund 1500 Menschen, die Großstadt New Orleans glich einem Trümmerfeld.

In Texas hatte „Harvey“ in den vergangenen Tagen mit einer Regenmenge von stellenweise fast 1,30 Metern pro Quadratmeter einen historischen Rekord aufgestellt und großflächige Zerstörungen angerichtet. Zehntausende in der Metropole Houston sind durch die Überschwemmungen obdachlos geworden. Nach Medienberichten wurden bisher etwa 30 Todesopfer gezählt. Die Polizei rechnet jedoch mit einem Anstieg der Opferzahlen. Auch am Mittwoch gingen die Rettungsaktionen in Houston weiter.

Unterdessen traf „Harvey“, der in den vergangenen Tagen von Texas aus wieder auf den Golf von Mexiko hinausgewandert war, am Mittwoch an der Küste des östlichen Nachbarn Louisiana ein. Hunderte mussten in der Stadt Lake Charles in der Nähe der Grenze zu Texas aus ihren Häusern gerettet werden, die nach schweren Regenfällen in knietiefem Wasser standen. An der Küste von Louisiana warnten die Behörden vor Sturmfluten. Weiter im Inland seien als Folge von „Harvey“ lokale Tornados möglich.

Diesmal sind die Behörden besser vorbereitet als 2005

In Louisiana ist die Erinnerung an „Katrina“ allgegenwärtig, doch diesmal sind die Behörden besser vorbereitet als 2005. Auch hat „Harvey“ über Texas schon viel Energie verloren. Louisiana erwartet in den nächsten Tagen starke Regenfälle und einige Überschwemmungen – aber wohl nicht so schlimm wie in Texas. Der Bürgermeister von New Orleans, Mitch Landrieu, verweist auf Berechnungen von Meteorologen, nach denen die teilweise unterhalb des Meeresspiegels liegende Großstadt schlimmen Überschwemmungen entgehen könnte. Der Niederschlag in der Stadt halte sich bisher in Grenzen.

Der Gouverneur von Louisiana, John Bel Edwards, zeigte sich in einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN zuversichtlich, dass sein Bundesstaat größere Schäden vermeiden kann. Bei den Vorbereitungen seien die Lehren aus der „Katrina“-Katastrophe wichtig gewesen: „Wir wissen, wie man mit Regen umgeht, wir wissen, wie man mit Überschwemmungen umgeht.“ Edwards betonte, Louisiana werde trotz der Ankunft von „Harvey“ seine Hilfsmaßnahmen für den Nachbarn Texas fortsetzen. Wie Texas erhält auch Louisiana Hilfe von den Bundesbehörden in Washington. Präsident Donald Trump, der am Dienstag in Texas war, wird möglicherweise am Wochenende auch Louisiana besuchen.

„Katrina“ hatte Ende August 2005 in New Orleans eine Katastrophe angerichtet. Damals ließ der Sturm die Schutzdeiche brechen und setzte vier Fünftel der Stadt unter Wasser. Die verspätete und ineffiziente Hilfe der Behörden und das anfängliche Desinteresse des damaligen Präsidenten George W. Bush verursachten einen politischen Skandal.

Im Verlauf des Wochenendes wird sich „Harvey“ nach Einschätzung der Meteorologen weiter in Richtung Nordosten bis nach Kentucky hinein bewegen. Auf dieser Strecke wird der Sturm viel von seiner zerstörerischen Kraft einbüßen.

In Houston sind rund 30.000 Menschen auf der Flucht

Als die Polizisten in Houston von Tür zu Tür gehen und die Bewohner seines Stadtviertels auffordern, ihre Häuser zu verlassen, packt Jeremiah Johnson die Babywindeln ein. Der Vater von fünf Kindern – darunter Drillinge, die gerade ein Jahr alt sind – und seine Frau haben nicht viel Zeit, das Nötigste zusammenzuraffen. Das Wasser um das Haus der Familie in der Nähe des Flusses Brazos südwestlich von Houston steigt rasch. Johnsons achtjährige Tochter Lily beginnt zu weinen. Sein fünfjähriger Sohn Justin fragt: „Papa, werden wir jetzt alles verlieren?“

Johnson verfrachtet seine Familie ins Auto und fährt auf einer verlassenen Autobahn gegen die Fahrtrichtung, laut hupend und mit aufgeblendeten Scheinwerfern; die Gegenfahrbahn ist unpassierbar, wie er nach seiner Flucht dem Fernsehsender Fox News berichtet. Ein Polizist weist den Johnsons den richtigen Weg. Auf ihrer Fahrt aus der Gefahrenzone heraus kommen sie an einem Dorf vorbei, das zwei Tage zuvor vom Wirbelsturm „Harvey“ zerstört worden war. Die Johnsons sehen zertrümmerte Häuser und zurückgelassenes Vieh.

Mit Regen kündigt sich Wirbelsturm "Harvey" in New Orleans an.
Mit Regen kündigt sich Wirbelsturm "Harvey" in New Orleans an.Foto: AFP

Das Schicksal der Familie wiederholt sich vieltausendfach in der Gegend um die texanische Metropole Houston. „Harvey“ hat hier in wenigen Tage mehr als einen Meter Regen pro Quadratmeter niedergehen lassen. Rund 30.000 Menschen sind auf der Flucht, mindestens 30 Todesopfer sind u beklagen. In den eilig eingerichteten Notaufnahmezentren wird es eng; in einem Konferenzzentrum in Houston schlafen die Menschen auch in den Korridoren. Ein Geistlicher in der Gegend öffnet seine „Mega-Kirche“ mit 16.000 Sitzplätzen für Flutopfer, ein Matratzenhändler hat Obdachlose in sein Vorratslager eingeladen.

Mehr als 13.000 Bewohner der Gegend mussten seit dem Wochenende per Boot oder Hubschrauber aus ihren überfluteten Häusern gerettet werden. Rund eine halbe Million Autos sind in den Fluten versunken. Die Schäden des Sturms und der Überschwemmungen werden von der US-Großbank JP Morgan vorläufig auf zehn bis 20 Milliarden Dollar geschätzt. Die Risikoanalyse-Firma RMS bringt gar eine mögliche Schadenssumme von bis zu 90 Milliarden Dollar ins Spiel. Der Großteil der Schäden durch Überschwemmungen ist nach Einschätzung des RMS-Klimaexperten Michael Young nicht versichert.

Möglicherweise werden einige Straßen und Brücken, die dem Druck der Wassermassen nicht standhalten können, ganz neu gebaut werden müssen. Und noch ist die akute Gefahr nicht vorbei. Immer noch rufen eingeschlossene Hausbewohner in Teilen von Houston um Hilfe – fünf Tage, nachdem „Harvey“ die texanische Küste erreichte. Am Mittwoch stieg das Wasser noch. Neben 12.000 Mitgliedern der Nationalgarde sind zahllose Freiwillige mit privaten Booten in den überfluteten Straßen im Einsatz.

Die Behörden müssen sich mit Plünderungen und Einbrechern befassen

Noch während die Rettungsaktionen in Houston auf Hochtouren laufen, müssen sich die Behörden mit der Gefahr von Plünderungen und Einbrechern befassen. Eine nächtliche Ausgangssperre wird erlassen; die Polizei warnt vor Kriminellen, die sich als Beamte des Heimatschutzministeriums ausgeben, Bewohner zum Verlassen ihrer Häuser auffordern und anschließend die leerstehenden Eigenheime ausrauben.

Unterdessen beginnt das Nachdenken über die Zeit nach „Harvey“. Viele Hausbewohner, die bei den Überschwemmungen alles verloren haben, besitzen keine Versicherung gegen Sturmschäden und stehen vor dem finanziellen Ruin. Die amerikanische Ölindustrie ist durch die Schließung von Raffinerien und Häfen getroffen. Zwar sind die Texaner stolz auf ihre Heimat, auf ihren Zusammenhalt und ihren Willen zum Durchhalten – doch „Harvey“ hat ihren Bundesstaat so hart getroffen, dass nach dem Wirbelsturm lange nichts mehr so sein wird wie vorher. (mit Reuters, dpa)

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