USA : Von der Ölpest in den Tod getrieben

"Wir sind hoffnungslos und hilflos", sagt der Bürgermeister von Orange Beach: Der erste Selbstmord eines Anwohners schildert so drastisch wie nie zuvor die Verzweiflung unter den Betroffenen und schockt die USA.

Friedemann Diederichs
20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
19.04.2011 13:0120. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...

26 Jahre lang steuerte Kapitän William Allen Kruse vom Hafen von Orange Beach (Alabama) Touristen und Hobbyfischer in den Golf von Mexiko. Doch das Öl hat ihm die Lebensgrundlage geraubt: Seit dem 20. April, dem Tag der Explosion auf der „Deepwater Horizon“-Plattform, blieben seine Kunden aus, die ihm bis zu 5000 US-Dollar für einen Tagesausflug gezahlt hatten. „Als das Öl anfing zu sprudeln, klingelte mein Handy nicht mehr,“ sagte Kruse im Fernsehen. Der Kapitän war deshalb seit 14 Tagen zu einem neuen Job gezwungen: Für den BP-Konzern Ölsperren zu legen – eine Arbeit, die er verabscheute, berichtet seine Familie. Am Mittwoch dieser Woche betrat Kruse wie jeden Morgen die Kajüte seines Bootes „Rookie“ (Anfänger), und er schickte seine beiden Helfer zu Einkäufen. Dann nahm er eine Pistole der österreichischen Waffenfirma Glock in die Hand und schoss sich in den Kopf.

Der erste Selbstmord eines von der Ölpest direkt Betroffenen taucht in den offiziellen Verlautbarungen der US-Regierung zur Katastrophe als „Bootsunfall“ auf. Thad Allen, Barack Obamas oberster Krisenmanager für das Desaster, verweigerte vor Journalisten zunächst Einzelheiten zu dem Vorfall, der so drastisch wie nie zuvor die Verzweiflung unter den Betroffenen kennzeichnet. Doch die Details des Todes von Kapitän Kruse ließen sich durch die Behörden und BP nicht verbergen. Denn obwohl der stämmige Bootsführer keinen Abschiedsbrief hinterließ, so haben doch seine Angehörigen keine Zweifel an den Motiven.

„Ohne das Öl,“ sagt sein Zwillingsbruder Frank Kruse, „wäre es nicht so weit gekommen“. US-Medien zitieren Ryan Mistrot, den zwölfjährigen Stiefsohn des Kapitäns: „Er hat mir gesagt, dass er den Job für BP gehasst hat.“ Ehefrau Tracy bemerkte, dass ihr Mann seit Wochen Gewicht verlor und nicht mehr schlafen konnte. Am Freitag letzter Woche vertraute Kruse seiner Mutter an, er habe seit längerem kein Geld mehr hereinbekommen – die Zahlungen von BP ließen auf sich warten. Selbst seine Hühner könne er nicht mehr füttern. Der Konzern schuldet ihm 4700 Dollar für zwei Wochen Arbeit im Ölsperren-Programm und weitere Beträge für den Ersatz von verlorenen Einnahmen – wie tausenden Menschen am Golf von Mexiko, die auf die angekündigten Schecks warten.

„Es gibt viele Menschen hier, die am Rand der Vernunft stehen. Wir fühlen uns hoffnungslos und hilflos. Niemand nimmt doch unsere Interessen wirklich wahr,“ beschreibt Tony Kennon, der Bürgermeister von Orange Beach, die Stimmung. Ein schlichter Kranz am Liegeplatz seines Bootes erinnert nun an Kapitän Kruse.

13 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben