Welt : Vanille-Eis macht Madonna heiß

Nadine Lange

Ein gutes Timing hatte sie schon immer. Sobald es die Chance gab, einen überraschenden Auftritt hinzulegen oder einen wichtigen Menschen für sich zu gewinnen, war Madonna da - hellwach und unwiderstehlich. Schon mit 13 Jahren erstaunte sie das Publikum eines High-School-Talentschuppens mit einem Tanzsolo, bei dessen Finale sie plötzlich nur noch sehr leicht bekleidet auf der Bühne stand. Sie bekam keinen Preis, aber dafür die meiste Aufmerksamkeit. Und seit Madonna im Musikgeschäft ist, springt sie traumsicher immer genau dann auf einen Trend auf, wenn er erfolgreich zu werden verspricht oder gerade seinen Durchbruch hatte.

Dieses perfekte Timing haben ihr nun zwei Männer nachgemacht, die sie schon eine Weile beobachten. Beide haben erkannt, dass der Moment für eine Biografie gekommen ist: Nach dem Album "Music" und der erfolgreichen "Drowned-World"-Tour wird es gerade ein wenig ruhiger um Madonna, zumal sie dezeit viel Wert auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter legt. Für die Fans ist das nicht sonderlich spannend. Zur Überbrückung der Madonna-armen Zeit hat der amerikanische Autor J. Randy Taraborrelli "Madonna. Die Biografie" geschrieben, die seit kurzem erhältlich ist. Ganz aktuell ist das Buch des Briten und Diana-Biografen Andrew Morton: "Madonna". Seit gestern ist das Buch auf dem Markt.

Beide Biografien sind nicht von Madonna autorisiert. Auch Interviews hat sie für die Bücher nicht gegeben. So stützen sich die Autoren auf schon veröffentlichtes Material sowie auf Gespräche mit Weggefährten und sonstigen Zeugen. Taraborrelli, der bereits Biografien über Michael Jackson und Frank Sinatra geschrieben hat, traf seine Hauptdarstellerin ein paar Mal beim Joggen. Zudem hat er sie in den achtziger Jahren vier Mal interviewt. Als der damalige Musikjournalist sie bei einer Pressekonferenz zum ersten Mal sah, empfand er sie als "eine freche, großspurige, ungeduldige und maßlose 25-Jährige". Er hätte nicht gedacht, dass aus ihr etwas Großes werden könnte. Diese Meinung korregierte er bald, und begann vor zehn Jahren er mit der Arbeit an seinem Buch über sie. Unterstützt von vier Rechercheuren befragte er rund dreihundert Menschen, die einmal etwas mit Madonna zu tun hatten. Ein Großteil der Informationen stammt von Kellnern, Partygästen und Kurzzeitbekannten.

Ihre Berichte hat Taraborrelli zu kleinen Szenen verarbeitet, in denen durch wörtliche Rede und die übergenaue Beschreibung von Madonnas Kleidung suggeriert wird, der Autor sei selber dabei gewesen. So sind 455 Seiten mit hochwertigem Glamour-Klatsch entstanden, die in Deutschland in einem zurückhaltenden schwarz-weiß-roten Umschlag verkauft werden. Im Orginal trägt das Buch den Untertitel "An Intimate Biografy" - und tatsächlich geht es vor allem um die Bettgeschichten der Popikone. Die meisten sind bereits bekannt. Nur ein Gerücht befördert Taraborrelli in den Status der nachprüfbaren Tatsache: Madonna und John F. Kennedy Jr. hatten eine Affäre. Die Frau, die gerne Marilyn Monroe imitierte, faszinierte den Sohn des ermordeten US-Präsidenten.

Er gab ihr schon nach dem ersten gemeinsamen Abend den Schlüssel für sein Apartment, wo sie ihn einmal "nackt und in Frischhaltefolie gewickelt auf dem Sofa" erwartete. Solche Details hat der Lady-Di-Biograf Andrew Morton nicht zu bieten.

Dafür zeichnet er ein genaues Bild ihrer Jugend. Als drittes von sechs Kindern kam Madonna Louise Ciccone am 16. 8. 1958 zur Welt und wuchs in Pontiac und Rochester, Michigan auf. Ihre Mutter, die ebenfalls Madonna hieß, starb als sie fünf war - ein Trauma, das sie noch Jahrzehnte begleitete. Die neue Frau ihres Vaters lehnte sie lange ab.

Madonna war ein umtriebiger Teenager: Sie sang im Schulchor, war Rettungsschwimmerin, Cheerleaderin, und hatte schnell den Ruf, ein Luder zu sein. Immer brauchte sie besonders viel Anerkennung und Aufmerksamkeit. Einen entscheidenden Einschnitt erlebte sie mit 15 Jahren, als sie begann, Ballettstunden bei Christopher Flynn zu nehmen. Er ließ sie hart trainieren und förderte sie mit großem Engagement - auch außerhalb des Studios. Auf seinen Rat hin verließ sie später ohne Abschluss das College, um ihren Tanz-Träume in New York nachzujagen. Die Schilderung von Madonnas Anfangszeit in New York ist der stärkste Teil von Mortons Biografie. Das liegt vor allem daran, dass zwei ihrer wichtigsten Freund aus dieser Phase aufstöberte: die Brüder Dan und Ed Gilroy.

1979 zog Madonna zu ihnen in eine umgebaute Synagoge im Stadtteil Queens und begann mit dem Musikmachen. Ihr zeitweiliger Liebhaber Dan Gilroy zeigte ihr die ersten Rhythmen auf dem Schlagzeug und die ersten Griffe auf der Gitarren. Zusammen mit der Niederländerin Angie Smit gründeten die Gilroys und Madonna schließlich die Punkrock-Band The Breakfast Club. Im Keller der der Synagoge fanden Morton und Ed Gilroy sogar verschollene Tonbänder der Gruppe: "Die Stimme, die den Text aus sich herausschreit, ist jung, energisch, ein wenig näselnd, aber trotz alledem unverwechselbar. Dies ist Madonna bei der Aufnahme ihres allerersten Songs, den sie geschrieben hat", notiert Morton.

Als Madonna von der Wiederentdeckung dieser Aufnahmen hörte, soll sie wütend geworden sein und Morton einen "Wurm" genannt haben. Sie hatte sich von Anfang an gegen sein Buch ausgespochen. Und natürlich kann auch Morton nicht widerstehen, sich im zweiten Teil intensiv mit ihrem Liebesleben zu befassen. Dabei betont er die lesbischen Aspekte etwas stärker als Taraborrelli und erwähnt zwei männlich Liebhaber, die bei seinem Konkurrenten nicht auftauchen: So hatte Madonna eine Affäre mit dem New Yorker Maler Jean-Michel Basquiat. Und den weißen Rap-Star Vanilla Ice wollte sie gar heiraten. Madonna schafft eben nicht ein Mann allein.

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