• Vater des Amokläufers von Winnenden erneut vor Gericht: "Schießübungen statt Therapie"

Vater des Amokläufers von Winnenden erneut vor Gericht : "Schießübungen statt Therapie"

Der Vater des Amokläufers von Winnenden hatte die Waffe unverschlossen aufbewahrt, mit der sein Sohn bei seinem Amoklauf 15 Menschen erschoss. Dafür war er zu 21 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Doch wegen eines Verfahrensfehlers wurde der ursprüngliche Richterspruch revidiert - nun steht er erneut vor Gericht.

Tim K. erschoss bei seinem Amoklauf in Winnenden im März 2009 15 seiner Mitschüler und sich selbst.
Tim K. erschoss bei seinem Amoklauf in Winnenden im März 2009 15 seiner Mitschüler und sich selbst.Foto: dpa

Der Amoklauf an der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden erschütterte im März 2009 die Republik: Der 17-jährige Tim K. erschoss damals 15 Menschen und sich selbst. Nun wird am Mittwoch dem Vater des an psychischen Problemen leidenden Amokläufers vor dem Landgericht Stuttgart noch einmal der Prozess gemacht: Jörg K. hatte die Mordwaffe unverschlossen aufbewahrt und war deshalb schon einmal zu 21 Monaten auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung und Überlassung einer Waffe verurteilt worden.
Gegen dieses Urteil hatte der Vater wegen eines Verfahrensfehlers mit Erfolg Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe eingelegt: Das Landgericht hatte einer Belastungszeugin, die sich zum angeblichen Wissen von Jörg K. um die psychischen Probleme seines Sohnes verstrickt hatte, ein Zeugnisverweigerungsrecht eingeräumt, noch bevor die Verteidiger des Angeklagten die Frau zu ihren widersprüchlichen Angaben befragen konnten. Der BGH hob das Urteil deshalb in diesem Frühjahr auf und wies den Fall an das Landgericht Stuttgart zurück.

Doch die Aufarbeitung dieses Verfahrensfehlers dürfte in der nun anstehenden Neuauflage nach Maßgabe des BGH zu keinem anderen Schuldspruch führen. Und zu einem monatelangen Mammutverfahren wird es auch nicht mehr kommen: Laut BGH hatte der damalige Vorsitzende Richter Reiner Skujat den Tatablauf des Blutbades im ersten Verfahren so penibel durchleuchtet, dass der Amoktag selbst in der Beweisaufnahme des bis Januar terminierten neuen Prozesses nicht mehr aufgearbeitet werden muss.

Amoklauf in Winnenden
Am 11. März 2009 kam es in der Albertville-Realschule in Winnenden zu dem Amoklauf, bei dem insgesamt 16 Menschen getötet wurden.Weitere Bilder anzeigen
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29.07.2009 08:30Am 11. März 2009 kam es in der Albertville-Realschule in Winnenden zu dem Amoklauf, bei dem insgesamt 16 Menschen getötet wurden.

Auf dem Prüfstand der Richter steht vielmehr die Frage, was der angeklagte Vater von den psychischen Problemen seines Sohnes alles wusste und ob und inwieweit ärztliche Unterlagen einer psychiatrischen Klinik, in der Tim K. behandelt wurde, dazu als Beweismittel zulässig sind.
Das Landgericht hatte die Ärzte nicht angehört, weil unklar war, ob der Vater sie von ihrer Schweigepflicht entbunden hatte. Laut BGH könnte deren Befund nun aber auch so als Beweismittel eingeführt werden, weil der Persönlichkeitsschutz des toten Jungen angesichts der „Straftaten von erheblicher Bedeutung“ in den Hintergrund treten könne.

Doch ob das Landgericht diesem Fingerzeig folgt, könnte für den Schuldspruch ebenso unerheblich bleiben, wie die erneute Anhörung der umstrittenen Zeugin: Der BGH merkt auf der letzten Seite seiner Entscheidung „vorsorglich“ an, dass es für eine Verurteilung des Vaters nicht darauf ankommt, „wie präzise“ sein Wissen über die psychische Erkrankung seines Sohnes war. Bedeutsam und für einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung mit entscheidend sei vielmehr, dass er die Waffe „mit vorhersehbaren Folgen“ unverschlossen aufbewahrt hatte.

Für diese Vorhersehbarkeit spreche demnach die vom Landgericht „rechtsfehlerfrei“ getroffene Feststellung, dass die psychiatrische Klinik dem Vater die Weiterbehandlung von Tim wegen dessen „Tötungsabsichten“ empfohlen hatte. Laut BGH aber vergeblich: „Statt für therapeutische Betreuung seines Sohnes zu sorgen, ermöglichte ihm der Angeklagte Schießübungen in seinem Schützenverein“, heißt es im Karlsruher Urteil. (AFP)

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