"Vatileaks" : Seiner Heiligkeit untreuer Kammerdiener

Verrat an höchster Stelle im Vatikan erschüttert den Kirchenstaat bis ins Mark – es geht zu wie im Krimi. Im Mittelpunkt steht Paolo Gabriele, Benedikts Kammerdiener. Verschwörungstheorien machen die Runde, wer gegen wen kämpft.

von
Der ihm den Schirm hält. Paolo Gabriele, Kammerdiener seiner Heiligkeit.
Der ihm den Schirm hält. Paolo Gabriele, Kammerdiener seiner Heiligkeit.Foto: dapd

Vier Kassetten mit Dokumenten hat die Gendarmerie des Vatikans in der Wohnung von Paolo Gabriele gefunden. Dokumente, die der Kammerdiener des Papstes eigentlich nicht haben durfte. Was wollte er mit diesem Material?

326 Seiten umfasst das vor etwa zwei Wochen erschienene Buch „Sua Santità“, in dem der italienische Fernsehjournalist Gianluigi Nuzzi ein geheimes Vatikandokument nach dem anderen ausbreitet. Bei einigen dieser Papiere steht fest, dass nur der Papst selbst und ganz wenige seiner engsten Mitarbeiter sie in der Hand gehabt haben können. Aber war es Benedikts Kammerdiener, der sie weitergegeben hat?

„Vatileaks“ hat der Pressesprecher des Papstes, Federico Lombardi, die Indiskretionen aus dem Vatikan getauft, die seit Monaten in Rom für Aufregungen sorgen. Lombardi spielte an auf die „Wikileaks“-Affären, also auf die Veröffentlichung geheimer internationaler Regierungs- und Diplomatenakten im Internet.

Die „Vatileaks“ finden in italienischen Medien statt – wo Dokumente angereichert werden mit mehr oder minder fantasievollen Erfindungen oder wo unter konspirativen Umständen geheimnisvolle „Zeugen“ aus dem Vatikan auftreten. So kommen zwei Sachen zusammen: Ein für den in sich geschlossenen Kirchenstaat beispielloser Akt der Illoyalität, der sich in dieser bisher nie dagewesenen Weitergabe vertraulicher Dokumente ausdrückt, und das Bestreben von außen, eine in Zerrüttung begriffene Kirchenregierung noch weiter zu destabilisieren.

Doch wer steckt hinter all diesen Enthüllungen? Die Zeiten Johannes Pauls II. sind vorbei, in denen man „osteuropäische Geheimdienste“ für dies und jenes verantwortlich machen konnte. Der polnische Papst war damals, in der Vor-Glasnost-Periode der frühen achtziger Jahre, geradezu umzingelt von Spionen, auch von solchen im Priestertalar und solchen im Apostolischen Palast.

Aber heute? Keiner glaubt, dass Benedikts Kammerdiener, ein treukatholischer 46-jähriger Vater von drei Kindern, seine exklusive Lebensstellung durch Geheimnisverrat derart leichtfertig aufs Spiel setzt. Auch sind so viele und derart verschiedene Dokumente durchgesickert, dass Gabriele praktisch nicht der einzige Verräter gewesen sein kann. Sind Kurienmitarbeiter bestochen worden? Ein Prälat, der im Vatikan arbeitet, schließt das nicht aus: „Gemessen an unserer Ausbildung und unserer Verantwortung sind wir entschieden unterbezahlt. Und Rom ist teuer. Wir müssen für unsere Wohnungen selber aufkommen. Ich kann mir also durchaus vorstellen …“

Der Journalist Nuzzi schreibt in seinem Buch, er habe niemandem auch nur einen Euro für den Dokumentenschmuggel bezahlt. Seine Informanten seien „eine Gruppe von Vatikanbürgern oder -angestellten“ gewesen, die „frustriert waren vom Überhandnehmen widerrechtlicher Übergriffe, persönlicher Interessen und unterdrückter Wahrheiten“. Gegen diverse Widerstände in der Kurie hätten sie mit ihren Indiskretionen „die Reformen Benedikts XVI. beschleunigen“ wollen.

Die parallelen Ermittlungen der Vatikangendarmerie und jener drei Alt-Kardinäle, die der Papst persönlich eingesetzt hat, ziehen denn auch weitere Kreise. Jemand habe Benedikts Kammerdiener „benutzt“, heißt es. Dieser „Jemand“ muss eine bedeutende Persönlichkeit sein, sonst hätte der Diener des Papstes für ihn keinen Finger krumm gemacht. War es also ein Kardinal? Waren es mehrere? Gab es eine Verschwörung, die nach Lage der Dinge nur innerhalb des Vatikans entstanden sein kann? Vatikan-Sprecher Lombardi stellt es als einen „eigenen, getrennten Fall“ dar. Ob es tatsächlich so ist, weiß man nicht. Jedenfalls wird auch der vergangene Woche gefeuerte Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi (67), inzwischen offiziell beschuldigt, Dokumente „in ungerechtfertigter Weise verbreitet“ zu haben.

Eine gewisse Rache dafür dürfte gewesen sein, dass die Vatikanbank nun auch Gotti Tedeschis Entlassungsprotokoll der Presse zugespielt hat – diesmal direkt, ohne diskrete Hilfe irgendwelcher Maulwürfe. Der Aufsichtsrat des „Instituts für Religiöse Werke”, wie die Vatikanbank heißt, hat einen Katalog von Verfehlungen erstellt. Präsident Gotti Tedeschi, der Vertraute des Papstes und Professor für Finanzethik, habe „wichtigste Aufgaben nicht erfüllt“. Er habe sich um die Vatikanbank nicht gekümmert, er habe in „unvorsichtiger Weise“ falsche Informationen verbreitet, er habe das Personal gespalten und sich „bizarr“ benommen.

Nur eines schließen die vier honorigen, internationalen Banker im Aufsichtsrat der Vatikanbank kategorisch aus. Dass sie sich bei der Entlassung Gotti Tedeschis ihrerseits für innervatikanische Intrigen haben benutzen lassen: „Hätte es Druck von irgendeiner Seite gegeben, hätten wir uns dem widersetzt“, sagt der Amerikaner Carl Anderson. Trifft das zu, dann fällt die in italienischen Zeitungen fast als sicher gehandelte Hypothese in sich zusammen, dass Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der „Zweite Mann“ des Papstes, hinter dem Rauswurf steckt.

Das heißt: Zumindest an dieser Front hat Bertone seine Position gestärkt. Und damit hat jene Hälfte der Indiskretionen, die bisher auf die Entlassung oder zumindest die Entmachtung des seit Jahren umstrittenen Kardinalstaatssekretärs gezielt hatten, genau das Gegenteil erreicht.

Der Verteidiger von Kammerdiener Paolo Gabriele sagt, dieser werde „auf alle Fragen der Ermittler antworten, um die Wahrheit ans Licht zu bringen“. Vatikansprecher Lombardi seinerseits erklärt aber, die drei vom Papst beauftragten Alt-Kardinäle würden ihre Ermittlungsarbeit fortsetzen. Da kommt also bestimmt noch mehr ans Tageslicht.

7 Kommentare

Neuester Kommentar