Venezuela : Herrscher über die Zeit

In Venezuela sind am Sonntag auf Anweisung von Präsident Hugo Chavez die Uhren um eine halbe Stunde zurückgestellt worden. Die Maßnahme solle den Stoffwechsel und Schlafrhythmus der Venezolaner mit dem natürlichen Tagesverlauf in Einklang bringen.

Sandra Weiss[Caracas]
Chavez
Venezuela bekommt eine eigene Zeitzone: Auf Anweisung von Hugo Chavez sind am Sonntag die Uhren zurückgestellt worden. Verliert...Foto: AFP

Kritische Zeitungen hatten dagegen nach der Ankündigung der Maßnahme durch Chavez im September die Einschätzung geäußert, der Staatschef wolle aus Eitelkeit eine eigene Zeitzone für sein Land schaffen.

„Ist mir egal, wenn sie mich verrückt nennen, die neue Uhrzeit kommt“, hatte Chavez Kritik im September vom Tisch gefegt. „Sollen sie doch sagen, was sie wollen.“ Die Einführung der neuen Uhrzeit war zuvor dreimal verschoben worden. Am vergangenen Sonntag hatte Chavez eine Volksabstimmung für eine Verfassungsänderung verloren, die ihm weitere Amtszeiten und mehr Befugnisse zugestehen sollte.

Selbst in der Regierung sorgte das vor einigen Monaten angekündigte Dekret zunächst für Verwirrung. Da referierte Präsident Hugo Chavez in einer seiner sonntäglichen Marathonsendungen namens „Alo Presidente" über die Vorzüge der Maßnahme. „Wenn wir die Uhren vorstellen, können die Kinder morgens eine halbe Stunde länger schlafen“, argumentierte Chavez „und stehen dann mit dem Sonnenlicht auf und nicht mehr in der Finsternis. Das ist viel besser für den Biorhythmus", sagte der als Nachtmensch bekannte Staatschef. Die Minister nickten wie immer zustimmend, wurden aber von einem beherzten Zuhörer unterbrochen, der einwarf, zu diesem Zweck müsse man die Zeiger vielmehr eine halbe Stunde zurückstellen – nicht vorstellen. Wollte dieser Mann etwa sagen, Chavez habe keine Ahnung? Chavez beauftragte seinen anwesenden Bruder und Erziehungsminister, die Sache richtig zu stellen: „Adan, klär' uns auf“. - „Nein, nach vorne“, antwortete der fälschlich und gab Chavez Recht. Schließlich war sein Bruder der Präsident und musste es also wissen.

In den Folgetagen stritten sich zwei Funktionäre, ob die Maßnahme nun energiepolitisch sinnvoll sei oder nicht. „Ja", behauptete der Direktor des Observatoriums von Maracaibo im äußersten Westen des Landes. „Quatsch", hielt Jose Farfan von der Universität im südöstlichen Ciudad Guayana dagegen, wo die Sonne fast eine Stunde früher aufgeht als in Maracaibo. Dafür müssten die Uhren nicht zurück-, sondern vorgestellt werden, am besten eine Stunde. Wie bei der Sommerzeit in Europa würde dann in den Abendstunden Strom gespart.

Bis alles geklärt und vorbereitet war, musste die zuständige Behörde die eigentlich für September angekündigte Umstellung zweimal verschieben. Böswillige Geister vermuten, Chavez habe damit gerechnet, das Verfassungsreferendum vom vorigen Sonntag zu gewinnen, womit die Zeitumstellung den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts" eingeläutet hätte. Nun hat sich der Präsident aber verkalkuliert, und die Zeitumstellung bleibt kapitalistisch.

Die Venezolaner seien offenbar noch nicht reif für den Sozialismus, stellte Chavez verbittert fest. Aus der ebenfalls in der Reform versprochenen Reduzierung des Arbeitstags auf sechs Stunden täglich wurde nun auch nichts, aber als Trostpreis dürfen die Venezolaner wenigstens eine halbe Stunde länger schlafen – sofern Chavez die Maßnahme in den nächsten Tagen nicht zur Strafe zurücknimmt.

Natürlich unternimmt der hyperaktive Linkspopulist nichts in Venezuela, das nicht ausgiebig von der bürgerlichen Opposition kritisiert wird. So auch die Zeitumstellung. Damit manövriere sich Venezuela weiter ins internationale Abseits, schrieb etwa die konservative Zeitung „El Universal“. Halbstündige Zeitmargen hätten nur noch internationale Schurken-Länder wie Iran, im übrigen ein enger Verbündeter von Chavez. Praktiker argumentierten, man könne ja auch den Schulbeginn von sieben auf halb acht oder acht verlegen und hätte damit den gleichen Effekt für die Kinder.

Ganz nüchtern betrachtet, ändert die Zeitumstellung wenig für die 27 Millionen Venezolaner. Zeit ist hier in den Tropen ohnehin ein relativer und sehr dehnbarer Begriff, und das Verkehrschaos in der Hauptstadt Caracas würde ohnehin jeden Pünktlichkeitsfanatiker in den Selbstmord treiben. Außerdem sind die Venezolaner an allerlei Exzentrizitäten ihres Staatschefs gewöhnt, der unter anderem schon das Land in „Bolivarische Republik Venezuela“ umbenannt hat und den Schimmel im Staatswappen statt wie früher nach rechts nach links galoppieren läßt. (mit AFP)

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