Welt : "Venus im Pudel": Teufelszeug

Peter von Becker

Paul Wühr, der 1927 in München geborene, seit Jahren auf einem umbrischen Berg thronende Dichter, ist wohl der größte lebende Dramatiker, der noch nie im Theater gespielt wurde. Das liegt auch daran, dass Wühr keine Theaterstücke im engeren Verständnis schreibt. Sondern lyrisch-sprachphilosophische, wort- und weltraumgreifende Bücher: die er mal als "Roman" (wie das legendäre "Gegenmünchen"), mal als "Hörspiele" oder "Ein Gedicht" bezeichnet - und die doch, verwandt den Wort- und Weltlautmalereien eines Joyce und Jandl, die lyrische Rede immer wieder zu Paaren treiben. In den inneren Dialog, und diesen dann in die äußerste Vielstimmigkeit.

Das klingt ein wenig kompliziert. Aber wer bei Wührs Volten und Wendungen die erste Kurve genommen hat, der wird schnell zum Komplizen von Denk- und Lustspielen, die auf der Lesebühne immer neue verblüffende, blitzartig ergreifende Szenen aufleuchten lassen. Wührs Worte sind Kostüm und Fleisch zugleich, mit seinen Masken gehen die Gesichter ab, überall lauern im jüngsten großen, siebenhundertseitigen Gedichtbuch "Venus im Pudel" die Liebe und der Tod.

Auch hier ist das Venerische auf dem Versfuß ein Teufelszeug und das Leben eine faustische Leidenschaft, so erotisch wie philosophisch. Das alte Lied. Doch völlig neu gesungen. Denn das Spektrum der Wührschen Anspielungen und Hypothesen, der prallen Sinn- und Sündenfälle reicht von der Mythologie bis zur Biochemie, vom biblischen Witz bis zur Metropolenromanze. Von der Genesis bis zu den gender politics. Ein Beispiel, aus dem Kapitel "Pueriles"





AlsTeenie

in der Hauptstadt

will sie Männermode



über den Laufsteg treten

auf italienischen



Schuhen zwischen zwei

Tischtennisbällen



müßte derselbe halb

steif sozusagen



ausbeulen freilich die

Brüste gibt



es sowieso nicht und

rasiert ist sie



einmal zur Abwechslung

jetzt im Gesicht

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