Verbrechen : Verdächtiger im Mordfall Carolin schweigt

Nach seiner Verhaftung schweigt der 29-Jährige Tatverdächtige im Fall der getöteten Carolin. Er wurde erst vor zwei Wochen aus dem Gefängnis entlassen. Die Behörden sahen bei ihm damals keine Risiken.

Rostock (20.07.2005, 17:00 Uhr) - Im Mordfall der 16-jährigen Carolin aus dem Ostseebad Graal-Müritz ist ein gerade aus dem Gefängnis entlassener Sexualstraftäter verhaftet worden. Die Rostocker Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 29-jährigen Mann aus Gelbensande wegen dringenden Mordverdachts. Zeugen hatten den Mann in der Nähe des Tatorts gesehen. Bislang gebe es keine Anhaltspunkte für eine Sexualstraftat. Ein sexueller Hintergrund kann laut Staatsanwaltschaft aber nicht ausgeschlossen werden. Der Tatverdächtige selbst schweigt zu den Vorwürfen. Carolins Leiche war am Montag in der Rostocker Heide gefunden worden. Die 16-Jährige war durch schwere Schläge auf den Kopf gestorben.

Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Holger Evermann gibt es noch weitere Indizien, die jedoch wegen der laufenden Ermittlungen nicht bekannt gegeben würden. Bis zum 8. Juli verbüßte der Mann eine siebenjährige Haftstrafe wegen Vergewaltigung, Geiselnahme und schweren Raubes. Er wurde nicht vorzeitig entlassen, sondern saß die komplette Strafe ab.

Der 29-Jährige habe bislang lediglich Angaben zur Person gemacht, teilte die Rostocker Staatsanwaltschaft weiter mit. Hinweise zur Tatwaffe, mit der Carolin am Freitag in einem Wald erschlagen wurde, liegen noch nicht vor. Sie war mit dem Fahrrad von Graal-Müritz zu ihrem Freund nach Gelbensande unterwegs als sie dem Täter in die Hände fiel. Derzeit werden die am Fundort von Carolins Leiche gesicherten Spuren untersucht. «Ergebnisse kann es schon in wenigen Stunden, vielleicht aber auch erst in 14 Tagen geben», sagt Evermann.

Mecklenburg-Vorpommerns Justizminister Erwin Sellering (SPD) sagte, sollte sich der Tatverdacht gegen den Festgenommenen bestätigen, müsse man sich schon fragen, ob von der Justiz etwas übersehen worden sei. Bei dem 29-jährigen Tatverdächtigen haben Sozialtherapeuten laut Sellering kein hohes Gefährdungspotenzial erkannt. Daher habe es auch keinen Grund für einen Antrag auf nachträgliche Sicherungsverwahrung gegeben. «Bei dem Thema geht es immer um den Konflikt zwischen der Sicherheit der Bevölkerung und den Individualrechten des Betroffenen», sagte Sellering. Möglicherweise sei der Fall Carolin einer der Fälle, die zeigen: «Es gibt keinen absoluten Schutz.»

In Graal-Müritz, Carolins Heimatort, haben Schüler eine Unterschriftenaktion gestartet, mit der sie gegen den ihrer Ansicht nach zu milden Umgang mit Sexualstraftätern protestieren wollen. In dem Ostseebad herrschte auch am Mittwoch große Betroffenheit bei Einheimischen und den derzeit etwa 5.000 Urlaubern. «An der Seebrücke wurden Kerzen zum Gedenken an Carolin aufgestellt, im Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus», sagt Kurdirektor Bernd Kuntze. Beileidsbekundungen aus ganz Deutschland erreichen die Gemeinde.

In Gelbensande - der Ort, in dessen Nähe Carolins Leiche gefunden wurde und aus dem der Tatverdächtige stammt - herrschen Angst und Entsetzen. «So lange der Täter nicht feststeht, trauen sich die Frauen nicht in den Wald», sagt Bürgermeister Lutz Koppenhöle (parteilos). Er kennt die Familie des 29-Jährigen: «Die Eltern sind unbescholtene Leute.» (Axel Büssem, dpa)

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