Welt : Verdi: Ecce homo, ecce opus!

Friedemann Kluge

Wer sich heute aus allen möglichen Wunschkonzerten Zigeuner- und Gefangenenchor, Triumphmarsch oder Traviata-Ouvertüre in die Ohren spülen lässt, kann sich kaum vorstellen, dass die eigentliche VerdiBegeisterung in Deutschland erst ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des großen Italieners einsetzte. Und sie hatte einen Namen: Fritz Busch leitete 1926 in Dresden jene denkwürdige "Macht des Schicksals"-Aufführung (in der freien deutschen Übersetzung Max Werfels), die Verdi zum endgültigen Durchbruch in Deutschland verhalf.

Ein Vollbart mit Zylinder

Endgültiger Durchbruch? Nein, ausgerechnet eines seiner bedeutendsten und heute populärsten Werke musste, bedingt durch die Zeitläufte, noch länger warten: In die Nazi-Welt passten nämlich keine gestrauchelten Menschen als Bühnenhelden. Siegfried war gefragt, nicht Traviata. Sie vermochte sich die deutsche Publikumsliebe trotz vereinzelter Inszenierungen auch im deutschsprachigen Raum so recht erst zum Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts zu erwerben.

Dieser Mann, der so gern mit der bäuerlichen Kopfbedeckung seiner norditalienischen Heimat kokettierte, obwohl doch erst der schwarze Zylinder einen würdig-eleganten Kontrapunkt zu dem gepflegten, schneeweißen Vollbart setzt; dieser Mann, den seine Lebensgefährtin Giulietta Strepponi als einen "Dickschädel mit dem Herzen eines Engels" charakterisierte; dieser Mann mit den melancholisch-mitleidigen und so gänzlich unsüdländisch-hellblauen Augen, die sich vor genau einhundert Jahren für alle Zeiten schlossen: Die Willkür menschlichen Zählzwanges beschert nach dem vergangenen Bach-Jahr auch ihm sein Jubiläum und damit einen ganzen Stapel neuer Bücher.

Rund zwanzig Neuerscheinungen sind es allein in Deutschland, die einerseits dem großen Italiener, andererseits der HabenSeite ihrer Verlagshäuser ihre Reverenz erweisen sollen. Die Münsteraner Musikwissenschaftlerin Veronika Beci, die bereits über Clara Schumann und Richard Strauss beachtenswerte Lebensbeschreibungen vorgelegt hat, neigt auch in ihrer Verdi-Biografie keineswegs dazu, in blinder Bewunderung für ihren Gegenstand zu ersterben. Über den als Menschen recht ambivalenten Komponisten (jähzorniger Tyrann versus sensibler Wohltäter) weiß sie ebenso kompetent zu berichten, wie sie es versteht, seinem einzigartigen musikalischen Genie auch noch in den vermeintlich schwächeren Werken nachzuspüren.

Zudem blickt die Autorin weit über den Tellerrand hinaus; ihre Verdi-Darstellung zeichnet sich durch ein eminentes Ambiente-Wissen aus, und dem Leser, dem der italienische Fleckerl-Teppich des 19. Jahrhunderts bisher allzu verworren erschien, öffnen sich mit einemmal ganze Horizonte des Begreifens. Ein eigenes und überaus lesenswertes Kapitel widmet die Autorin Franz Werfel und dessen Verdi-Roman, der "wesentlich zu einer Verdi-Renaissance in Deutschland" beitrug.

Verdi für den kleinen Hunger

Giuseppe Verdis Opernschaffen wird bei Beci nicht nur inhaltlich-musikalisch eingehend besprochen, sondern auch mit einer oftmal äußerst interessanten Werk- und Rezeptionsgeschichte versehen (besonders gelungene Beispiele hierfür sind "Luisa Miller", "Stiffelio" und der sonst stets etwas verworrene "Troubadour").

Für den kleinen Hunger auf Verdi gibt es zwei schmale Bändchen, vorgelegt von Johannes Jansen respektive Barbara Meier. Beide Taschenbücher leisten Erstaunliches, gemessen an ihrem Umfang, und es bleibt fast Geschmackssache, welchem von beiden der Vorzug zu geben ist. Beide Bücher sind reich illustriert sowie mit vielen Dokumenten und nützlichen Apparaten ausgestattet. Wo es um die formale Übersichtlichkeit geht, liegt Jansen vielleicht um eine Nasenlänge vorn, was Barbara Meier aber durch die größere Kompaktheit und eine erstaunliche Informationsdichte ihrer Darstellung wettmacht.

Der Unterschied - wenn es denn einer ist - zwischen beiden Bändchen liegt wohl darin, dass Meier sich mehr an den Musik-Kenner, Jansen sich eher an den Musik-Liebhaber wendet.

Freilich: Eine rechte Lese-Lust in dem Sinne, dass man das Buch vor der letzten Seite gar nicht aus der Hand legen mag, will sich bei keiner dieser Biografien einstellen. Sie alle enthalten viel Wissen, viel Wissenswertes, aber alle sind sie auch ein wenig zu distanziert geschrieben, um den Leser wirklich packen zu können. Der Mensch Giuseppe Verdi kommt zwar vor, zwangsläufig, aber er wird nirgends so recht lebendig.

Das ändert sich schlagartig mit dem Buch Alfred Marquarts. Man darf annehmen, dass alle Autorinnen und Autoren "ihren" Verdi schätzen, wenn nicht gar lieben. Aber Marquardt ist der einzige, der sich diese Liebe Seite für Seite anmerken lässt: Verdi wird auf einmal plastisch, dreidimensional, greifbar - auch angreifbar. Verdi: ecce homo! Und das, obwohl der saloppe, ja, schnodderige Schreibstil des Autors gewiss nicht jedermanns Sache ist ("... wenn die Autoren nicht zu Potte kamen, textete er selbst"), und auch seine Verliebtheit in die eigenen Formulierungen dann etwas nervt, wenn er sie endgültig "totzureiten" beginnt: Es reicht doch wahrlich einmal, wenn Marquart schick formuliert "tout Milan" habe sich zur Premiere gedrängt, aber nein, auch "tout Florence" muss es sein. Auch das treatment hat es ihm angetan, obwohl der Begriff Bearbeitung denselben Vorgang sicherlich genauer beschreibt, als der hier allzu oft eingesetzte Anglizismus es tut.

Wo war der Korrektor?

Beckmesser bedauert schließlich zutiefst, dass der Korrektor nach etwa der Hälfte der Lektüre erkrankt, in Urlaub gefahren sein oder einfach die Lust an seiner Profession verloren haben muss - anders ist die Unzahl störender Druckfehler in des Buches zweiter Hälfte kaum zu erklären.

Wem das alles an Verdi-Wissen noch nicht genug ist, dem sei die Steigerung, gewissermaßen das non plus ultra, anempfohlen: das dickleibige Verdi-Handbuch, herausgegeben von Anselm Gerhard und Uwe Schweikert unter Mitarbeit von Christine Fischer. Hier ist nun wirklich alles zusammengetragen, was man über Verdi weiß und noch manches, was darüber hinaus wissenswert ist. Ein selektiver Blick auf einige Kapitelüberschriften ist erhellender als viele Worte. Um "die Suche nach einer italienischen Nationalliteratur" geht es dort beispielsweise, um "Italienische Opernhäuser als Wirtschaftsunternehmen", um "Stimmtypen und Rollencharaktere", um den "Vers als Voraussetzung der Vertonung", um "Sänger und Dirigenten", natürlich auch um Verdis musikalisches Lebenswerk und seine Wirkung.

Erst hören, dann lesen

Alle Werke erhalten eine eingehende Würdigung mit einer Entstehungsgeschichte, einer Handlungsbeschreibung (bei den Bühnenwerken), einem Kommentar, einer kurzen Wirkungsgeschichte und einem diskografischen Hinweis (der natürlich nur sehr subjektiv ausfallen kann: So fehlt z.B. beim "Maskenball" die glänzende Solti-Einspielung von 1982/83 oder beim "Troubadour" jene fulminante Berliner Aufnahme unter Bruno Bartoletti aus dem Jahre 1980).

Von Franz Werfel war bereits die Rede, und es sei mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß sein 1923 entstandener Verdi-Roman auch heute noch lesenswert ist. Freilich: Das meiste ist Fiktion - aber den Menschen Giuseppe Verdi hat uns noch niemand näher gebracht als dieser wohl für alle Zeiten größte seiner Fans. Erfreulicherweise ist Werfels Roman noch im Buchhandel erhältlich. Bevor Sie aber das Buch aufschlagen und es sich bequem machen, sollten Sie sich erst noch Verdis großes e-moll-Streichquartett auflegen: Niemals wieder werden Sie der Seele des Meisters näher sein!

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