Welt : Verdi-Jahr: Tausende hielten Kerzen in den Händen

Werner Raith

Zum 100. Todestag von Giuseppe Verdi am vergangenen Sonnabend konnten die Bewunderer von "Aida" und "Falstaff", "La Traviata" und "Rigoletto" geradezu alles überspülende Wogen von Aufführungen, Neuausgaben und Biographien über sich ergießen lassen. Mehr als 3000 Mal wurde weltweit das "Requiem" aufgeführt, und kaum ein Opernhaus zwischen Mailand und New York ließ sich die Gegelegenheit entgehen, wieder einmal die vielen zum Gassenhauer gewordenen Arien wie das Trinklied aus der "Traviata" oder "Ach, wie so trügerisch" aus dem "Rigoletto" zu Gehör zu bringen. Alleine in Italien waren mehr als 500 Verdi-Memorials angesagt, und die Aufmerksamkeit der Medien war bereits im Vorfeld so groß, dass sich auch die gesamte Schar der VIPs in die Musentempel aufmachte - "aus Überzeugung oder weil man ins Bild zu kommen hoffte", wie "la Repubblica" spottet.

Auf den Straßen von Mailand dämpften verstreute Strohhalme den Verkehrslärm - wie damals, als Verdi hier im Sterben lag. Auf Flugblättern wurden die ärztlichen Bulletins des Jahres 1901 wiederholt, auf denen die Anhänger des Komponisten resigniert und verzweifelt lesen konnten: "Seit einigen Stunden lässt der Zustand des Maestros keine Hoffnung mehr zu." Verdi starb im Alter von 87 Jahren. 300 000 Trauernde begleiteten seinen Sarg durch die Straßen der Stadt. Die Suite Nr. 105 des Grand Hotels, in der Verdi starb, soll unterdessen Gerüchten zufolge für Millionen von Lire vermietet worden sein. Verdi war nach dem Tod seiner Frau in das Hotel nur wenige Meter neben der Scala gezogen. Vor dem Hotel versammelten sich in der Nacht zum Sonnabend tausende Menschen, viele hielten Kerzen in den Händen. In Rom fand eine besondere Aufführung des Requiems in der katholischen Kirche Santa Maria aus dem zwölften Jahrhundert im Stadtteil Trastevere statt.

Mit drei Opernaufführungen und dem Requiem erreichten die Berliner Verdi-Feiern am Wochenende ihren Höhepunkt. Am Sonnabend gab es in der Deutschen Oper "Falstaff" und in der Komischen Oper "Don Carlos". Am Sonntagabend fand in der Staatsoper Unter den Linden die Premiere einer Neuinszenierung der Oper "Otello" statt, in der Regie von Jürgen Flimm mit Daniel Barenboim am Pult. In der Philharmonie dirigierte der von seiner Krankheit sichtlich gezeichnete Claudio Abbado Verdis Requiem und wurde stürmisch gefeiert.

Doch abseits der großen Musik und des gesellschaftlichen Ereignisses erhält Verdi derzeit zumindest in Italien unversehens einen überaus hohen politischen Stellenwert. Das lässt sich nicht nur an der Teilnahme nahezu aller wichtigen Staatsrepräsentanten an irgendeiner der Feiern ablesen, sondern auch an der monatelangen Berufung auf die durch ihn "verewigte, durch nichts zu überbietende musische Versinnbildlichung der Reichseinigung" von 1860/70 ("Corriere della sera").

So wird Verdi derzeit vor allem von Staatspräsident Ciampi zu einer Art Kitt des nationalen Zusammenhalts des Landes gedeutet: als bewusster Kontrast zu den separatistischen Tendenzen wie denen der Liga Nord. Einer wie Verdi, der in seinem musikalischen Schaffen die damalige politische Sehnsucht seines von ausländischen Mächten hegemonialisierten Landes artikuliert hat wie niemand sonst, scheint da tatsächlich oft deutlicher zur Rückbesinnung auf Gemeinsamkeiten zu führen denn unzählige Appelle.

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