• Verhältnis USA und Schweiz: Fall Polanski: Die größte Rolle spielt die Politik

Verhältnis USA und Schweiz : Fall Polanski: Die größte Rolle spielt die Politik

Die Schweiz strebt ein besseres Verhältnis zu den USA an – wurde Roman Polanski deshalb festgenommen?

Verena Mayer,Jan Dirk Herbermann[Zürich]
Roman Polanski
Roman Polanski. Der Regisseur dreht demnächst in Deutschland. -Foto: getty

Roman Polanski schmort in einem Schweizer Auslieferungsgefängnis, die US-Behörden sind zufrieden, Freunde und Verehrer Polanskis stehen unter Schock und inzwischen hat sich Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy eingeschaltet: Das Drama um den Regisseur spitzt sich seit seiner Festnahme am Samstag im Zürcher Flughafen immer weiter zu. Dem Künstler drohen bei einer Verurteilung in den USA wegen eines Sexualdelikts mit einer Minderjährigen 50 Jahre hinter Gittern – für den 76-Jährigen kommt das einer lebenslangen Haftstrafe gleich.

Die Festnahme hat zu heftiger internationaler Kritik geführt. Vor allem die Befehlskette ist Stein des Anstoßes. Zum Verhängnis wurde Polanski zunächst das Internet: Im Netz stand lange vor seiner Einreise in die Eidgenossenschaft zu lesen, dass der Künstler in Zürich einen Preis für sein Lebenswerk erhalten sollte. Diese Information fischte die Staatsanwaltschaft in Los Angeles aus dem Datenstrom. Daraufhin alarmierte die lokale Behörde das US-Justizministerium. Das Ministerium wiederum übermittelte ein Gesuch zur Festnahme an das Schweizer Justizministerium in Bern – die Amerikaner beriefen sich auf das Auslieferungsabkommen zwischen den USA und Bern. Das Justizministerium wiederum brachte die Festnahme in Gang. Der Befehl kam also von der Regierung in der Hauptstadt Bern.

Vor dem Corso-Kino in Zürich herrscht am Tag nach der Festnahme Polanskis Schweizer Gelassenheit. Im Foyer des altehrwürdigen Kinos am Zürichsee, das Polanski eigentlich am Sonntag den roten Teppich hätte ausrollen wollen, treten die Mitglieder der Spielfilmjury vor die Presse. Sie tragen kleine Buttons, auf denen „Free Roman Polanski“ steht, die Jurypräsidentin, die amerikanische Regisseurin Debra Winger, verliest ein dürres Statement. Man fühle mit dem „Menschen Roman Polanski“ mit und sei bestürzt über die „obskuren Umstände“, unter denen Roman Polanski am Samstagabend auf dem Flughafen Zürich-Kloten verhaftet worden sei. Man sei „unfair ausgebeutet“ worden. Nach fünf Sätzen tritt die Jury wieder ab, Fragen werden keine beantwortet. Die Kulturschaffenden in Zürich wirken hilflos, das Ganze hat sie überfordert. Sonntagabend hatten vor dem Corso noch ein paar Leute selbst gebastelte Schilder in die Kameras gehalten, auf denen „Schande für die Schweiz“ stand, oder „Wir tauschen unser Bankgeheimnis gegen Roman Polanski“. Am Montag heißt es dann, das Festival müsse weitergehen, die Sache liege nun in der Hand der Behörden. „Wir hoffen auf ein weiteres großes Meisterwerk“, sagt die Jurypräsidentin abschließend. Dieses wird Polanski vermutlich nicht beim „Zürcher Filmfestival“ zeigen.

In den Vereinigten Staaten steht der Regisseur zur Fahndung aus: Im Jahre 1977 hatte der damals 44-jährige Polanski Sex mit der 13-jährigen Samantha Geimer auf dem Anwesen des Hollywood-Stars Jack Nicholson. Polanski bekannte sich zwar schuldig, flüchtete jedoch später aus den USA. Einem Haftbefehl in Kalifornien 1978 folgte 2005 der internationale Haftbefehl. Die Tat ist nicht verjährt.

Die Schweizer Regierung verteidigt die Polizeieinsatz am Airport: „Die Rechtslage ist absolut klar“, sagte Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf. Die Schweiz habe keine andere Wahl gehabt als Polanski zu arretieren. Gab es Druck aus den USA? Die Ministerin verneint. „Im Unterschied zu anderen Aufenthalten Polanskis in der Schweiz war diesmal sein Besuch groß angekündigt worden“, sagt Widmer-Schlumpf. „In früheren Fällen haben Polizei und Justiz erst im Nachhinein davon erfahren.“ Polanski besucht regelmäßig die Schweiz – in seinem Chalet im Prominentenrefugium Gstaad erholt sich der Künstler von seiner Arbeit. Die Staatsanwaltschaft in Los Angeles bedankte sich jetzt bei den Schweizern „für ihre extrem kooperative Haltung“.

Auch Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterand reagierte „sprachlos“ auf die Nachricht. Der Minister informierte umgehend seinen Chef, Präsident Sarkozy. Der Staatschef will eine „rasche Bereinigung“ der Affäre. Polanski solle so bald wie möglich wieder auf freien Fuß kommen. Um das zu erreichen, kontaktierten die Franzosen die polnische Regierung. Gemeinsam werden Paris und Warschau jetzt bei den Stellen in Bern vorstellig. Polanski besitzt neben der französischen auch die polnische Staatsbürgerschaft, seine Familie stammt aus Polen.

Immerhin kann Polanski auf die Großzügigkeit seines Opfers zählen: Samantha Geimer, inzwischen dreifache Mutter, hat ihrem Peiniger verziehen. Eine neue Gerichtsverhandlung „sei es nicht wert“. Sie wolle kein neues Trauma erleiden.

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