Welt : Verhext und angespuckt

Einmal im Jahr wird das mexikanische Catemaco zum Mekka der Zauberer. Dann heilen sie nach alten Sitten

Annabel Wahba[Catemaco]

Vor dem Rathaus, mitten auf dem großen Platz, steht ein Tieflader mit einem fahrbaren Kinosaal. „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ läuft gerade in Catemaco, und das ist natürlich kein Zufall. In der kleinen Stadt im mexikanischen Bundesstaat Veracruz wurde gerade der „Vierte internationale Zaubererkongress“ abgehalten. Auch der oberste Hexenmeister von Catemaco, Tito Gueixpal, hat sich Harry Potter angesehen und fand den Film „ganz amüsant“. Wenn stimmt, was Gueixpal erzählt, dann sind viele der Zaubertricks, die Harry Potter in seinem Internat lernt, für den 52-jährigen Mexikaner ein Kinderspiel.

„In meiner Familie wird die Zaubererei seit zehn Generationen praktiziert“, sagt Tito Gueixpal. Dann zählt er alle seine Vorfahren auf, seine Urgroßmutter soll immerhin 137 Jahre alt geworden sein und konnte sich angeblich in einen Vogel verwandeln. Gueixpal selbst kann sich zwar in kein Tier verzaubern, aber er sieht mit seiner schwarzen Haartolle und den vielen Goldringen an der Hand immerhin aus wie eine Reinkarnation von Elvis Presley. Gueixpal praktiziert seit 39 Jahren schwarze und weiße Magie und sagt, er könne Menschen von tödlichen Krankheiten heilen. Er und sein Sohn Pedro, man nennt ihn auch „den Tiger“, sind in ganz Mexiko als Hexenmeister bekannt. Sie treten im Fernsehen auf und mexikanische Stars zeigen sich in den Klatschblättern gerne an der Seite der großen Hexer.

Gueixpal junior hat den Zauberer-Kongress in Catemaco organisiert, um eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen. Noch in den 60er Jahren sollen Zauberer aus aller Welt nach Catemaco gekommen sein, um hier am ersten Freitag im März eine Magier-Messe, sozusagen eine rituelle Groß-Reinigung, zu veranstalten. Catemaco liegt an einer Lagune, die den Krater eines lange erloschenen Vulkans füllt. Einem Fischer soll hier vor rund 300 Jahren die Jungfrau erschienen sein, und seither ist Catemaco als magischer Ort bekannt. Heute findet man hier an jeder Ecke „brujos“, wie die Hexenmeister und Heiler genannt werden. Auf dem Markt kann man Kräuter kaufen, um sich vor bösem Zauber zu schützen. Das dürfte hier auch nötig sein, da quasi jeder einen Nachbarn hat, der sich auf schwarze Magie versteht. Die Praktiken der „brujos“ gehören für die Menschen in dieser Region zum Alltag. So wie religiöse Menschen an die Kraft des Weihwassers glauben, vertrauen die Menschen hier - die übrigens auch strenge Katholiken sind - auf die heilende Kraft von Kräuterelixieren.

Der erste Freitag im März, sagt ein Mitarbeiter der Gemeinde, sei in Catemaco ein besonderer Tag, an dem sich die magische Energie aufgrund einer besonderen Planetenstellung an diesem Ort konzentriere. Viele hundert Menschen kommen aus ganz Mexiko hierher, um sich durch Pedro oder Tito Gueixpal von schlechten Energien und bösen Geistern reinigen zu lassen. Die 35 Jahre alte Grisella hat sich mehrere Tage ins Auto gesetzt, um von ihrem Heimatort an der Grenze zu den USA hier an die Atlantikküste zu kommen. Sie glaubt, dass die Reinigung, der sie sich am Freitagnacht unterzogen hat, Glück bringt. Kurz nach Mitternacht hat sie sich draussen, nahe der Lagune, auf einen Stuhl inmitten eines brennenden Hexagons gesetzt. Pedro Gueixpal reibt ihre Arme, Beine, und Wangen mit einem stark nach Essig riechenden Kräuterelixier ein. Er ruft die heilende Kraft der Pflanzen an, „du wurdest geschnitten, um zu heilen“, murmelt „du sollst beschützt sein vor Neid, Schmerz und Leid“ und wünscht Grisella für alle möglichen Lebenslagen Glück.

Dann schlägt er ihr nicht gerade sanft mit den Ästen einer besonderen Pflanze auf Kopf und Arme. Zum Schluss nimmt er noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche mit dem Kräuterwasser und spuckt Grisella prustend von oben bis unten damit an. Sie sagt danach, „ich fühle mich wunderbar“, aber es gibt auch Leute, die sich nach der Reinigung so schmutzig fühlen, dass sie sich erstmal duschen wollen.

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