Verkehr : Abenteuer Bahn

Was der Berliner im Kleinen mit der S-Bahn erlebt, erfahren viele Bundesbürger nun auch bei der Deutschen Bahn AG: Kunden leiden auf Berlin-Strecken unter Verspätungen – dabei gehen die Schneefälle wohl erst richtig los.

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Ein ICE fährt in Vennebeck langsam an einem verunglückten Waggon vorbei. Foto: ddpddp

Köln/Berlin - Die Bahn bringt viele Kunden in diesen Tagen zur Verzweiflung. Viele sind wütend und machen ihren Gefühlen laut Luft. Andere bleiben ruhig und fügen sich in ihr Schicksal, weil Ausbrüche nicht weiterhelfen. Verspätungen, Riesen-Umwege, ausgefallene Verbindungen: Bahnfahren auf der Strecke zwischen Berlin und Köln ist in diesen Tagen eine Geduldsprobe.

Die Bahn kann bis heute nicht sagen, ob das Wetter die Ursache ist, oder ob es andere Gründe gibt. Eines aber ist klar. Die Lage dürfte nicht besser werden, wenn in der Nacht zum Samstag das Tief „Daisy“ mit der berüchtigten „Vb–Wetterlage“ nach Deutschland kommt. Dann sind heftige Schneefälle angesagt. „Vb-Wetterlage“ („V“ steht für römisch „fünf“) bedeutet, dass ein Tief vom Atlantik nicht direkt zu uns kommt, sondern nach Süden auf das Mittelmeer abgedrängt wird, wo es sich mit sehr viel Feuchtigkeit auftankt und anschließend nach Deutschland kommt. Beruhigen könnte einzig die Erfahrung, dass von den Meteorologen angekündigte Unwetter oft weniger schlimm ausfallen als nicht angekündigte. Was das heute und morgen für den Bahnverkehr bedeuten wird, ist alles andere als klar.

Klar ist bei dem Bahnchaos bisher nur: Zwei Güterzugunfälle in Westfalen haben den Betrieb auf der Ost-West-Achse – einer der wichtigsten in ganz Deutschland – völlig durcheinandergebracht. Mitten in diesem „Bermuda-Dreieck“ liegt der Bahnhof von Hamm. Hier stranden am Donnerstag immer neue entnervte Reisende. „Fährt dieser Bus nach Borkum?“, fragt ein sichtlich überforderter Fahrgast den Busfahrer. „Nicht Borkum, Beckum. Neubeckum.“ Einerlei, findet der Fahrgast, der eigentlich nur in Berlin ankommen möchte. Er gehört zu den Pechvögeln, die auf Ersatzbusse der Bahn angewiesen sind.

Im münsterländischen Neubeckum war in der Nacht zum Dienstag ein erster Zug entgleist, hatte die Strecke verwüstet und damit die ICE-Route unterbrochen. Nahe Porta Westfalica war am Mittwoch dann ein zweiter Güterzug aus den Schienen gesprungen und hatte auch noch die Umleitung versperrt. Zugausfälle und noch größere Umwege waren die Folge. Mit Mühe lief der Fernverkehr auf der Hauptstrecke schließlich wieder an. Aber noch immer müssen die Züge ganz langsam an den Unfallstellen vorbeifahren.

Ein Horror-Szenario für Reisende. „Gestern war es hier sehr chaotisch“, sagt Jürgen Hemke vom städtischen Info-Stand vor dem Bahnhof Hamm. „Menschen stürzten hier rein, riefen durcheinander.“ Keiner habe so recht gewusst, wohin mit sich und seinem Gepäck. „Der Informationsfluss der Bahn ist sperrig“, findet der Berater.

Und so manch ein wütender Fahrgast sieht das ähnlich. „Sie fragen, ob alles in Ordnung ist? Dabei geht doch alles drunter und drüber“, erwidert Gerhild Prizt auf die Frage eines Schaffners in der Regionalbahn von Münster nach Hamm. Am Vortag habe sie statt zwei gleich fünf Stunden von Düsseldorf ins ostwestfälische Rheda gebraucht. Besonders unangenehm hat es einen Mann aus Bielefeld erwischt. „Ich war schon morgens mit den Pendlern unterwegs. Von Bielefeld nach Neubeckum per Zug und von dort weiter nach Hamm mit dem Bus. Und auf der ganzen Strecke: keine Toiletten!“ Die Sanitäranlagen seien am Bielefelder Bahnhof schlicht eingefroren, hat er gehört. Auch Dustin Löpenhaus ist wütend: „Ich raste bald aus“, donnert der 17-Jährige in sein Handy. Die Heimreise nach Berlin wird wohl länger als geplant dauern. Und zu allem Übel blinkt auch die Akku-Anzeige seines Handys.

Für die Zugverspätungen in Brandenburg kann die Bahn allerdings glaubwürdig andere Schuldige bezichtigen. Metalldiebstähle seien Ursache dafür, dass es auf der ICE-Linie Berlin-Hamburg und den Regionalexpress-Linien Ludwigsfelde-Berlin-Wismar, Rathenow-Berlin- Cottbus und der Regionalbahnstrecke Nauen-Berlin-Senftenberg zu Verspätungen kommt.

Sorglos sind die Fahrkarten-Kontrolleure unterwegs: „Uns ist egal, wo wir entlangfahren“, sagt Meinholf Hille mit entwaffnendem Charme. Tsp/dpa/ddp

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