Verkehr : "Betonkrebs" auf jungen Autobahnen

Auf der Autobahn A 9 von Berlin nach München sollten Autofahrer stets eine gewisse Leidensbereitschaft mitbringen. In jüngster Zeit ist Geduld vor allem zwischen Dessau und Bitterfeld gefragt. Hier sind wieder einmal Bauarbeiter am Werk.

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Betonschäden auf der A 9. Foto: dpadpa-Zentralbild

Berlin - Beton wird aufgefräst und mit Teer wieder verschlossen. Viele Staugeplagte stellen sich die Frage, warum Autobahnen, die noch gar nicht so lange fertig sind, schon der Reparatur bedürfen. Einer der Gründe heißt „Betonkrebs“. Die tückische „Krankheit“ lässt Betondecken reißen und zerbröseln. Für Asphaltdecken gilt eine durchschnittliche Lebenserwartung von zwölf Jahren. Dann müssen sie neu aufgelegt werden. Betondecken gelten als langlebiger und widerstandsfähiger. Ingenieure gehen von 30 Jahren Haltbarkeit aus, allerdings nur, wenn die Betonmischung in Ordnung ist, erläutert Jürgen Berlitz, Experte für Straßenverkehrsplanung beim ADAC in München. Das ist das Problem – auf manchen Autobahnabschnitten stimmt die Mischung nicht.

   Im Osten, wo viele Autobahnen nach dem Ende der DDR mit gewaltigen Investitionen von Grund auf erneuert oder neu gebaut wurden, gibt es relativ viele Betonfahrbahnen und auch mehr Probleme mit Betonkrebs. Befallen sind oder waren nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums neben der A 9 der Berliner Ring A 10 sowie Abschnitte der A 14 Magdeburg–Dresden, der A19 Rostock–Dreieck Wittstock und der A 24 Berlin–Hamburg. Im Westen ist Hessen am stärksten betroffen. Bundesweit sind oder waren nach derzeitigen Erkenntnissen rund 350 Kilometer „erkrankt“. Der erste Verdachtsfall wurde 1995 aus Brandenburg von der A 24 gemeldet.

   Unter Betonkrebs ist eine Alkali-Kieselsäure-Reaktion zu verstehen. Wenn sich bestimmte Kiessorten in feuchter Umgebung nicht mit dem Bindemittel Zement vertragen, kommt ein chemischer Prozess in Gang, der den Beton zersetzt. Wie lang die „Inkubationszeit“ ist, bis Schäden sichtbar werden, weiß niemand so genau. Das FEhS-Institut für Baustoff-Forschung in Duisburg geht von fünf bis zehn Jahren aus. Für „erkrankte“ Autobahnen wird die optimale Therapie noch gesucht. Wegweisende Erkenntnisse erhoffen sich Experten von einem Modellversuch, der seit Sommer 2008 in Sachsen-Anhalt läuft. Zwischen Bernburg und Könnern sind zwölf Kilometer der A 14 in acht Abschnitte unterteilt, auf denen unterschiedliche Versiegelungen gegen Wasser und Tausalz ausprobiert werden.

   So ist ein Abschnitt der Betondecke etwa mit dem Leichtmetall Lithium getränkt, ein anderer mit Epoxidharz beschichtet, wieder ein anderer mit Leinölfirnis behandelt. Den Bund kostete die Aktion rund 108 000 Euro pro Kilometer. Die ersten Messergebnisse werden jetzt ausgewertet. Welches Mittel am besten dazu taugt, Zersetzungen aufzuhalten, steht noch nicht fest. dpa

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