Verkehr : "Ich lasse dir den Vortritt"

Keine Ampeln, kaum noch Schilder und weniger Unfälle - wie Städte mit dem Prinzip "Shared Space" und EU-Hilfe den Verkehr beruhigen.

Andreas Brinkmann[Bohmte],Martina Luxen[Haren]
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Kein Verkehrsschild im niedersächsischen Bohmte. -Foto: Brinkmann

Die Leute in Bohmte haben sich noch immer nicht ganz daran gewöhnt, inzwischen deutschlandweit besonders beachtet zu werden. Die Straße, besser gesagt: der neu geordnete Verkehrsraum ist es, der hier anders ist als anderswo. Bohmte im Landkreis Osnabrück in Niedersachsen nimmt als einzige deutsche Gemeinde am EU-Projekt „Shared Space“ (geteilter Raum) teil, in der EU sind es insgesamt sieben.

Der Raum umfasst die Straße, den Bürgersteig, den Radweg, den Kreisel, die Fußgängerzone. Alle Verkehrsteilnehmer sind gleichberechtigt, die Teile des Raumes nur angedeutet, die Abgrenzungen fließend. Ampeln? Fehlanzeige. Verkehrsschilder? Da war doch mal was ... Geblieben ist ein einziges Schild. Das steht auf der Mitte des neuen großen Platzes, der erst seit den baulichen Veränderungen als solcher erkennbar und erlebbar geworden ist.

Früher, das heißt bis zum 19. Mai 2008, traf hier die Leverner Straße, eine Landesstraße, auf die Bremer Straße, die jahrzehntelang Teil der B 51 war. Früher standen hier Lkw an Lkw, die Ampelanlage nervte. Der Preis, den die Dorfbewohner und die Gäste Bohmtes zunächst einmal zahlen müssen, ist jetzt die erhöhte Aufmerksamkeit im Straßenverkehr. Das ist aber auch gewollt, denn „Verkehrszeichen spielen uns nicht selten eine Sicherheit vor, die es überhaupt nicht gibt“. Einer der Glaubenssätze des kürzlich verstorbenen niederländischen „Verkehrspapstes“ Hans Mondermann, der in den vergangenen Jahren oft nach Bohmte gekommen war.

Natürlich ist auch bei „Shared Space“ die Straßenverkehrsordnung nicht außer Kraft gesetzt. Daher gilt rechts vor links, daher hat prinzipiell derjenige Vorfahrt, der sich im (natürlich hier nur angedeuteten) Kreisel befindet. Aber: Blickkontakt ist angesagt, Zeichensprache erlaubt. Aufpassen auf sich und andere, Verständnis untereinander aufbringen. Seit zweieinhalb Wochen ist das seit fünf Jahren geplante und nach längeren Bauarbeiten realisierte neue Verkehrskonzept in Kraft, bei dem die Bewohner Bohmtes über zahlreiche Workshops und Vortragsabende eingebunden waren. Und Polizeimeldungen mit Verkehrsunfällen aus diesem Teil von Leverner und Bremer Straße sind seitdem bei der Lokalzeitung keine mehr eingegangen. Für Lkw und andere Kraftfahrzeuge ist die Ortsdurchfahrt schwieriger und damit unattraktiver geworden – der Durchgangsverkehr ging deutlich zurück. Nun hoffen die Bohmter, dass das „Shared-Space“-Projekt auch die ganze Bremer Straße bis hinunter an den Bahnhof fortgesetzt wird.

Das Rathaus mit dem CDU-Bürgermeister und Verwaltungschef Klaus Goedejohann hofft nicht nur aus ideellen Gründen auf einen dauerhaften Erfolg der Aktion. Denn auch bei der Finanzierung ist die Gemeinde in besonderer Verantwortung. 2,35 Millionen Euro hat der Spaß seit Beginn des Projektzeitraums 2003 schon mal gekostet, weit mehr als zunächst gedacht. Davon hat Bohmte 1,17 Millionen Euro aus Eigenmitteln zu finanzieren. Die verbliebenen 1,18 Millionen Euro resultieren aus EU- und Drittmitteln.

Orts- und Staatenwechsel: Bereits seit 2002 hat die niederländische Kleinstadt Haren im Rahmen eines „Shared-Space“- Projektes ihre Verkehrsbeschilderung drastisch ausgedünnt. Und auch hier war es Verkehrsplaner Hans Mondermann, der bei den Einwohnern für seine Vision warb. Resultat: Die Anzahl der Unfälle ging um 50 Prozent zurück und die Innenstadt ist schöner geworden. „Wir wollten damals unbedingt ein schöneres und lebenswerteres Stadtzentrum“, erinnert sich Wim Eggens, Verkehrsexperte in Haren. Die südlich von Groningen gelegene 25 000-Einwohner-Kleinstadt wird von einer 800 Meter langen Hauptstraße durchquert, die gesäumt ist von Geschäften, Schulen, Wohnhäusern. Bei starkem Verkehr auf der nahen Autobahn nutzten Auto- und Lkw-Fahrer den „Rijksstraatweg“ gern als Alternative, die Anzahl der vorbeidonnernden Fahrzeuge schwankte täglich zwischen 8500 und 12 000.

„Mit Vertretern aller Interessengruppen hatten wir ein sehr radikales Konzept ausgearbeitet“, so Wim Eggens, der das Projekt von Anfang begleitete: Die Ampeln sind aus dem „Rijksstraatweg“ verschwunden. 60 Prozent der Verkehrsschilder wurden entfernt, weil sie ihren Zweck verloren hatten. Wozu braucht man Radwegebeschilderungen, wenn keine Radwege mehr da sind? Oder Parkverbotsschilder, wenn an Zufahrten zur Innenstadt angezeigt wird, dass es sich um eine Parkverbotszone handelt? Auch die weiße Mittellinie ist verschwunden.

Von den anderen Wegemarkierungen bleibt noch hier und da ein Zebrastreifen übrig. Auch sie sind Resultat eines Kompromisses, der mit Vertretern von Interessengruppen geschlossen wurde. Alle Verkehrszeichen zu verbannen, war in Haren nicht möglich. Weil die lokalen Bedürfnisse in den zehn nordniederländischen Gemeinden, die mit Shared Space noch ohne EU-Förderung experimentieren, unterschiedlich sind, gleicht kein Projekt dem anderen. Der Leitfaden, sagt Wim Eggens, sei das soziale Verantwortungsgefühl. Nicht Vorfahrts- und Stoppschilder regeln den Verkehr, sondern umsichtiges Fahren und der Blickkontakt, mit dem Verkehrsteilnehmer signalisieren: „Ich lasse dir den Vortritt“.

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