Verkehr in Peking : Die fantastische 4

Unsere Autorin hat einen kleinen Spleen: In jeder Stadt will sie mit der Linie 4 fahren. Daraus ist jetzt ein Buch geworden. Hier schon mal ihre Erlebnisse in Peking.

Annett Gröschner
Nächster Halt: Tian'anmen. Ein Polizist bewacht den Eingang der Verbotenen Stadt am Platz des Himmlischen Friedens.
Nächster Halt: Tian'anmen. Ein Polizist bewacht den Eingang der Verbotenen Stadt am Platz des Himmlischen Friedens.Foto: picture alliance / dpa

Vor vier Jahren, kurz vor den Olympischen Spielen in Peking, schickte mir ein Freund, der von meiner Leidenschaft für die Linie 4 wusste, ein Foto: ein Bus Nr. 4, am Platz des Himmlischen Friedens, im Hintergrund das Tian’anmen-Tor zur Verbotenen Stadt mit dem Porträt von Mao Zedong. Ich war elektrisiert. Der Platz des Himmlischen Friedens, ein Ort der Zivilcourage und des Schreckens, der mir nach 23 Jahren immer noch in den Knochen sitzt, auch wenn die Ereignisse sich mehr als 8000 Kilometer von mir entfernt ereignet hatten.
Dieses Jahr buchte ich eine individuelle Pauschalreise, was hieß, dass ich vom Flughafen abgeholt und zurückgebracht und einen geringen Teil der Zeit mit einem Reiseführer verbringen würde, der mir die Sehenswürdigkeiten zeigte. Vorher kaufte ich mir noch einen aktuellen Stadtplan von Peking, um sicherzugehen, dass die 4 überhaupt noch am Platz des Himmlischen Friedens vorbeifuhr. Die dünne rote Linie war deutlich zu erkennen.
Mein Reiseführer, er hatte sich neben seinem chinesischen Namen noch den für deutsche Touristen leichter verständlichen Namen Johannes gegeben, fragte, was ich in Peking sehen wolle. Ich sagte, das Übliche, und außerdem wolle ich Bus fahren, das sei mein Hobby. Er riet mir eindringlich davon ab. Viel zu gefährlich: Ich könne kein Chinesisch, man brauche einen Fahrschein, bevor man einsteige, es gebe unübersichtlich viele Tarife.
Am ersten Abend, ich war Johannes glücklich losgeworden, suchte ich die 4. Ich lief die lange, lange Jiangumennei Dajie entlang, von einer Haltestelle zur nächsten, aber wo in meinem Stadtplan die 1, 4, 10, 22 und 37 standen, gab es in Wirklichkeit nur die 1, 10, 22 und 37, aber keine 4. Ich war ratlos, fuhr ein Stück mit der 1, aber auch weiter westlich, hinter dem Platz des Himmlischen Friedens, war von der 4 keine Spur.
Die lange Suche machte mich müde, und nach diesem ersten Abend wusste ich, dass Peking mit der Haltung der Flaneurin nicht beizukommen war. Nur eine Haltestelle zu weit gefahren, muss man einen Kilometer zurücklaufen; der Abstand zwischen zwei Haltestellen ist riesig. Die Unterführungen unter den acht- bis zehnspurigen Straßen haben zwar so schöne Namen wie „Tunnel des Frauenverbandes“, zwischen ihnen liegen aber große Abstände. Da kommt schnell ein halber Kilometer zusammen.
Die Frau an der Hotelrezeption, die ich nach der 4 fragte, wollte wissen, wohin ich denn wolle. Ich sagte: „Einfach nur mit der 4 fahren.“ – „Aber wohin?“, fragte sie noch einmal und sah mich an, ohne ihr Misstrauen hinter einem harmlos-freundlichen Gesicht zu verstecken. Ich zeigte ihr den Stadtplan mit der eingezeichneten Linie. Sie schüttelte den Kopf. „Die 4 fährt hier nicht mehr. Die 4 ist die 1.“
Sollte ich nun mit der 1 fahren, der Devise folgend, in China sind die Dinge im Fluss? Wo gestern noch Ackerland war, ist heute eine Millionenstadt, wo gestern noch die Buslinien 1 und 4 waren, ist heute nur noch die 1. Ich könnte es damit begründen, dass Chinesen der 4 misstrauen. Es ist ihre 13. Das Wort vier klingt wie das für Tod.
Zum Glück bin ich mit der Praktikantin des Goethe-Instituts, Anne Hergert, verabredet. Sie hat Sinologie in Zwickau und Peking studiert und ist nun für das Praktikum in der Stadt. Im Internet hat sie eine Schnellbuslinie T4 entdeckt, T für „tebie kuai“, besonders schnell, die am anderen Ende des Platzes des Himmlischen Friedens abfährt. „Besonders“ heißt, dass sie nicht überall hält.
Um dort hinzugelangen, laufen Anne und ich quer über den riesigen Platz. Man kann ihn nicht einfach betreten. Es gibt Zugangsschleusen, an denen Körper und Taschen auf Waffen und Sprengstoff kontrolliert werden. Kaum jemand geht ohne Begleitung, die meisten sind in Gruppen, die eng beieinanderbleiben, vielleicht weil die Größe sie ängstigt. Nur Kinder springen unbefangen herum. Die ganz Kleinen tragen Hosen mit offenen Schlitzen am Hintern. So brauchen sie keine Windeln. Ich sehe aber keines, das sich einfach auf den Platz hockt, um seine Notdurft zu verrichten.
Mir fällt ein Mann in Arbeitskleidung auf, der mit einer Bohrmaschine die Steinplatten behandelt. Ich frage mich, warum er da Löcher reinbohrt, schaue genauer hin und erkenne, dass an der Maschine eine Drahtbürste befestigt ist. Verglichen mit diesem Mann, der auf dem mit 44 Hektar größten Platz der Welt Kaugummireste entfernen muss, war Sisyphos’ Arbeit eine leichte.
Der T4 ist ein Doppeldecker. Das ist ungewöhnlich, auch dass es ein alter Bus ist. Zwischen erstem und zweitem Ring werden oft hochmoderne Fahrzeuge mit Klimaanlage eingesetzt. In diesem Bus aber gibt es Fenster, die sich aufschieben lassen. Überall kleben Schilder, dass man sich nicht hinauslehnen solle, was wirklich gefährlich ist, denn der Bus fährt dicht an Masten und Bäumen vorbei.
Die kleine schmale Schaffnerin ist erfreut über den Besuch von zwei Langnasen in ihrem Bus, noch mehr freut sie sich, dass Anne mit ihr Chinesisch spricht. Danach wissen wir, dass eine Fahrt über die ganze Strecke drei Yuan kostet, umgerechnet 40 Cent. Die Fahrscheine mit der Zeichnung einer Pagode sind aus dünnem Papier und werden von der Schaffnerin mit einem roten Buntstift, den sie um den Hals trägt und mit dem sie die 4 durchstreicht, entwertet. Wir steigen nach oben und setzen uns nach vorne auf die Sightseeing-Position. Die Frontscheibe ist innen mit einem Zaun geschützt, was vermuten lässt, dass es ruppiger zugehen könnte als in Berliner Doppeldeckern, wo nur ein niedriges Geländer angebracht ist.
Der Bus folgt vier Haltestellen dem Weg der Linie 2 der Metro in Richtung Westen, dann schwenkt er am Zentralen Konservatorium auf die zweite Ringstraße, die die Innenstadt Pekings umschließt. Bisher sind wir an Wohnblöcken aus den 70er Jahren entlang gefahren, nun sind wir auf einer Stadtautobahn, die in regelmäßigen Abständen Brücken überspannen, auf denen Losungen mit weißer Schrift auf rotem Grund stehen. „Geist Pekings“, entziffert Anne.
Sie erzählt mir, dass sie nur ein paar Monate nicht in Peking war, aber als sie zurückkam, hat sie die Stadt an manchen Stellen nicht wieder erkannt, so schnell hatte sich alles verändert. Plötzlich waren da zwei nagelneue U-Bahnlinien. Und auch jetzt fahren wir an U-Bahnbaustellen vorbei. Sie sind an den hohen provisorischen Gebäuden mitten auf der Straße zu erkennen, die die Baustellen verbergen. Es gibt keine provisorischen Bauzäune, sondern blickdichte Mauern, wahrscheinlich damit niemand die Baufahrzeuge klaut.
Schon seit Fahrtbeginn sitzt eine alte Frau rechts neben mir. Sie wirkt wie erstarrt, ihren Strohhut in der linken Hand, mit der rechten hält sie sich am Griff des Vordersitzes fest, dabei schaut sie unablässig aus dem Fenster, immer in dieselbe Richtung. Im Unterdeck zieht jemand, es hört sich an wie ein alter Mann, den Rotz hoch, drei Mal, bis sich auch der Letzte vorstellen kann, wie das aussieht, was da aus der Lunge kommt. Das Spucken ist nichts Ungewöhnliches, eher bekommt jemand, der in ein Taschentuch schnäuzt, angewiderte Blicke zugeworfen. Es ist die kleine zarte Schaffnerin, die nach drei Mal Nase-Hochziehen das Fenster öffnet und auf die Straße speit. Neben dem Spucken auf den Fußboden sind auch Tiere im Bus nicht erlaubt, keine Waffen, Sprengmaterialien und radioaktive Stoffe.
Ein alter Mann trägt ein kleines Mädchen die Treppe hoch und setzt es auf den freien Platz hinter mir. Sein schwarzes Kleid mit den weißen Streublümchen passt zu den schwarzen Augen, den schwarzen Haaren und der weißen Haut. Es singt leise vor sich hin und springt manchmal auf, um in die Hände zu klatschen. Dann wird es vom Großvater unsanft in den Sitz zurückgedrückt.
Ich muss kein Chinesisch verstehen, um zu sehen, dass der Großvater bei aller Liebe überfordert ist. Der Stadtführer hat mir erzählt, dass es in Peking üblich sei, dass die Großeltern auf die Enkel aufpassten, der Staat habe sich darauf eingestellt, man spare so die Ausgaben für Kindergartenplätze. Das Rentenalter beginnt früh, für Frauen mit 55 Jahren, für Männer mit 60. Würde man es anheben, bräche das Kinderbetreuungssystem zusammen. Am Zoo steigen Großvater und Enkelin aus.
Jeder, der mit der 4 fahren will, muss sich an dem von Zäunen begrenzten Gang seiner Linie aufstellen. In der Rush-Hour stehen Dispatcher mit Wimpel und Headset an der Haltestelle und versuchen, Ordnung in die Wartenden zu bringen. Manche dieser Wimpelträger machen das in einem heiseren, fast hysterischen Ton, der durch ein hektisches Winken mit dem Fähnchen unterstrichen wird. Ich verstehe kein Wort, aber den Reaktionen der Wartenden nach zu urteilen, schreien die Wimpelträger so was wie: „Die 4 fährt ein, sie fährt zum Alten Sommerpalast, bitte stellen Sie die Ordnung her!“
Fahrradfahrer gibt es weniger als erwartet, die Autofahrer haben die Oberhand. Gefährlich sind die Kreuzungen, vor allem die Linksabbieger nehmen keine Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer. Es gibt viele große und teure Autos, auch aus einheimischer Produktion. An der Kreuzung unter der vierten Ringstraße stehen Lotsen mit Neonwesten und auf Fahrrädern, die die Fußgänger und Radfahrer sicher über die Kreuzung zu geleiten versuchen. Licht hat fast niemand am Rad, auch die Motorroller nicht. Aber es gibt Galane, die ihre Angebetete auf dem Gepäckträger (sie im Damensitz) durch die Stadt kutschieren.
Heute ist für junge Chinesen ein besonderer Tag, der in Peking zum Ausnahmezustand führt: die Aufnahmeprüfungen für die Universitäten. Sogar der russische Präsident Putin, der an diesem Tag zum Staatsbesuch da ist, muss eine Umleitung in Kauf nehmen, weil für dieses Ereignis die Straßen gesperrt werden. So leitet man die Jugendlichen sicher und schnell in die Schulen, wo Kameras sie bei den schriftlichen Prüfungen überwachen. Das Ergebnis entscheidet darüber, wo und was man studieren darf. Neigungen spielen keine Rolle. Wer Ingenieur werden will, dem wird, hat er Pech, ein Sprachenstudium zugeteilt. Vor den Schulen stehen die Eltern in banger Erwartung, was aus ihrem einzigen Kind werden wird. Die Glückskinder des Tages werden einen Platz an einer der Pekinger Universitäten erhalten, die fast alle an der Strecke des T4 liegen. Hinter der Nationalbibliothek sind sie aufgereiht, auf dem Stadtplan zähle ich sieben Universitäten zwischen vierter und fünfter Ringstraße. Die größte und renommierteste ist die Peking Universität.
Der T4 ist nun voller Studenten. Die alte Frau ist immer noch da. Ich frage mich, ob sie schon tot ist, denn sie bewegt sich nicht mehr. Hinter uns telefoniert eine junge Chinesin über fünf Haltestellen hinweg sehr laut, bis sie an der Peking Universität aussteigt.
Zwischen der vierten und fünften Ringstraße werden die Häuser kleiner. Der T4 hält vor dem Alten Sommerpalast mit seinem schönen, von Kanälen durchzogenen Garten. Auch wenn das eigentliche Gebäude, das von französischen und italienischen Architekten nach Vorbild Versailles errichtet worden war, 1860 von französischen und britischen Truppen bei der Plünderung der Nordstadt niedergebrannt wurde, ist das Gelände immer noch prächtig. Das europäische Labyrinth wurde in den vergangenen Jahrzehnten wiederaufgebaut. Einst soll der Kaiser hier einmal im Jahr mit seinen Konkubinen das Mondfest gefeiert haben. Sie bekamen Seidenlaternen, mit denen sie sich den Weg durch das Labyrinth suchten.
Wir lassen die fünfte Ringstraße hinter uns. Hier endet der Großraum Pekings. Der Bus ist ungefähr 30 Kilometer gefahren, hat an 39 Stationen gehalten und dafür mehr als 90 Minuten gebraucht. Zwei Stopps vor der Endhaltestelle steht die alte Frau plötzlich auf und steigt aus.
Hinter einem Kanal, der von riesigen alten Pappeln gesäumt ist, hört die Stadt auf und gibt dem Land Raum. Im Hintergrund erhebt sich ein hoher Berg mit einer Pagode. Der Name der Endhaltestelle, Universität für Nationale Verteidigung, bricht mit der Idylle aus einem überschaubaren Busdepot, einer Schule, kleinen Geschäften, vor denen Leute dösen, und einem Weg am Kanal entlang. Am Ende der Straße steht ein für diese Gegend ziemlich martialisch aussehender Bau: die Universität. Uns reicht ein Blick von Weitem, dann nehmen wir den nächsten Doppeldecker zurück. Wir brauchen doppelt so lange wie auf der Herfahrt, weil Rush-Hour ist und die Linksabbiegerampeln minutenlang nicht auf Grün schalten. Ich werde, wenn ich mich drei Stunden später von Anne verabschiede, vier chinesische Zeichen gelernt haben: Land der Mitte, Mensch, groß und 4.

- Der Text ist ein gekürzter Vorabdruck aus Annett Gröschners Reisebuch "Mit der Linie 4 um die Welt", das am 1. Oktober bei der Deutschen Verlagsanstalt erscheint.

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