Verkehr : "Strelagate" - eine Brücke für Rügen

Im Oktober wird das neue Bauwerk eröffnet, das Rügen mit dem Festland verbindet. Die Zeit der langen Staus soll dann vorbei sein.

Claus-Dieter Steyer[Strals]
Rügen
Endlos: Touristen sollen künftig nicht mehr vor der Brücke warten. -Foto: dpa

Der in Stralsund kursierende Name für die neue Brücke zur Insel Rügen klingt verwegen: „Strelagate“, sagt der Volksmund – eine Anleihe an die berühmte „Golden Gate Bridge“ in San Francisco. Die Vorsilbe „Strela“ bezieht sich auf den Strelasund, wie der Meeresarm der Ostsee vor der Hansestadt genannt wird. Wer sich aus Richtung Berlin dem rund 58 000 Einwohner zählenden Stralsund nähert, sieht von Weitem nicht mehr nur die Kirchturmspitzen, sondern auch den 128 Meter hohen Pylon. An ihm hängen die Stahlseile für den mittleren Brückenteil. Er überspannt in so großer Höhe den Sund, dass Boote und Dampfer aller Art problemlos darunter hinwegfahren können.

Die alte Ziegelgrabenbrücke vom Festland bis zur mitten in der Passage gelegenen Insel Dänholm aus den dreißiger Jahren muss derzeit noch viermal am Tag jeweils 20 Minuten lang für den Schiffsverkehr geöffnet werden. Das führt zu langen Staus auf den Straßen beiderseits der Brücke. Am 22. Oktober soll dieses Ärgernis endgültig der Vergangenheit angehören. Dann rollt der Verkehr ungehindert auf dem 2800 Meter langen technischen Meisterwerk, das zusammen mit den Rampen sogar mehr als vier Kilometer misst. Rund 100 Millionen Euro kostet die „Strelagate“.

Das sind zwar rund 20 Millionen Euro mehr, als beim Baubeginn vor drei Jahren verkündet worden war. „Aber wir haben noch während des Projektes die Sicherheit für die Autofahrer erhöht“, sagt der technische Prokurist der zuständigen Firma Deges (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH), Bernd Rothe. „Schutzplanken sind mit mächtigen Seilen verstärkt worden, damit Pkw oder Lkw bei einem Unfall nicht von der 42 Meter hohen Brücke stürzen.“ Außerdem bremsen spezielle Windabweiser sowie zwei Meter hohe und durchsichtige Glaswände den seitlichen Druck auf Lastzüge um bis zu 50 Prozent. Selbst bei einer Windstärke von sieben oder acht (bis 74 Kilometer pro Stunde) können sie problemlos passieren. Wird es stürmischer, bleibt als Ausweg immer noch die niedrigere alte Strelasundquerung.

Auch der Schutz für die Vogelwelt schlug mit zusätzlichen Ausgaben zu Buche. Die Stahlseile von der Pylonspitze zur Brücke wurden optisch vergrößert, damit die kleinen Augen der Vögel sie als Hindernis rechtzeitig wahrnehmen.

Trotz aller Beteuerungen zur Sicherheit des neuen Bauwerkes mischt sich seit dem spektakulären Einsturz der Autobrücke in Minneapolis eine gewisse Skepsis in die Vorfreude von Einwohnern und Urlaubern. „Dafür besteht kein Grund“, versichert der Prokurist Rothe. „Das gesamte Vorhaben besteht aus rund 4000 Einzelplänen, die alle von fünf unterschiedlichen Instanzen geprüft und genehmigt werden.“ Auch die Ausführung der Arbeiten selbst, bei denen sich beim Betonieren oder bei der Montage von Stahlträgern menschliche Fehler einschleichen könnten, werde streng überwacht. Schließlich bestehe die neue Brücke aus immerhin sechs Einzelteilen. „Vor der endgültigen Freigabe erfolgt eine genaue Abnahme, die sich nach spätestens fünf Jahren wiederholt“, erklärt der Fachmann Bernd Rothe.

Von der schnelleren Verbindung versprechen sich die Hoteliers auf der Insel Rügen noch mehr Urlauber. „Schon jetzt zählen wir jährlich 1,3 Millionen Besucher, 1992 kam nur die Hälfte davon zu uns“, sagt Jeannette Brussig, Sprecherin der Tourismuszentrale von Deutschlands größter Insel. Verkehrsmeldungen über einen 15 Kilometer langen Stau vor dem Rügendamm schreckten trotz der landschaftlichen Reize der Ostseeküste noch so manchen Ausflügler ab. Dennoch werden auch nach der Brückeneröffnung alle Autoschlangen nicht schlagartig verschwinden. Die Erweiterung der B 96 in Richtung Bergen und Sassnitz beginnt erst im kommenden Jahr und soll zweieinhalb Jahre dauern. Danach können Berliner und Brandenburger viel schneller zum Hafen in Mukran rollen, wo Schiffe nach Schweden, Dänemark, Finnland, Russland und ins Baltikum ablegen.

Auch Stralsund selbst hofft durch das neue Wahrzeichen auf mehr Touristen. „Es harmoniert wunderbar mit unseren Backsteinkathedralen, wie ich die drei großen Kirchen nenne“, meint Professor Gottfried Kiesow, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und Ehrenbürger der Stadt. „Immerhin gehört Stralsund seit fünf Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe. Da stört die Brücke im Unterschied zu Dresden überhaupt nicht.“ Drei Viertel der Altstadt seien in der Zeit von der Wende bis jetzt restauriert worden.

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